Bemerkenswert

Bücher

IMGP0021

Taschenbücher von Harald Timm, veröffentlicht bei amazon self publishing, nicht Mitglied irgendeines „Literaturbetriebs“, Hobbyautor und Rentner mit Katze.

Bürger eines verschwundenen Landes im Exil,  ohne Heimat, jedoch gut versorgt mit allem, was es braucht zum Leben.

Franz Summer, ein Pseudonym nur für dieses Blog, sucht keine Anhänger und ist nie selbst Anhänger von wem oder was auch immer.

Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass mir irgenwelche „Nerdlinge“ in ihrem Regelierungswahn weitere Veröffentlichungen von einfachen Texten nicht möglich machen

all, what they want: „money, money, money“ with your idees, they have nothing own fantasie…

ohne Werbung, merde

O Mann, nochmal Annalena Baerbock

Es ist auch bekannt, dass die NZZ rechts ausgerichtet, als CDU und FDP- lastig ist. Wie alle Zeitungen im Internet wollen sie immer ein Abo unterschieben und fast alle Artikel sind gekürzt, wenn man nur einen Link kopieren möchte, aber gerade bei diesem geht es problemlos 🙂

Ich würde sagen, die Schlammschlacht zur Wahl hat längst begonnen…

https://www.nzz.ch/feuilleton/baerbock-wikipedia-ld.1629184

Die Briefe 66

Am Bett einer Sterbenden wird uns erst klar, wie lächerlich wichtig sich manchmal das Leben nimmt. Und unsere Gedanken richten sich auf das Wesentliche.

Bei Gottfried und Fritz bestand es darin, sich ruhig zu verhalten und wenn sie sich schon einmal bewegten, es langsam und gewissermaßen weihevoll zu tun, als wären sie die Priester irgend einer Religion. Es ist ja ganz egal, welche Religion, der Buddhismus sagt, die Religion ist nur ein Boot, welches uns an das andere Ufer eines Flusses bringt, welches Boot man wählt, ist unerheblich.

Fritz verlor sich in Träumen. Dann bemerkte er, dass ihn Gottfried aufmerksam und lächelnd beobachtete. Fritz erwiderte den Blick.

Wie viel Menschen hast du schon sterben sehen, fragte er und erhob ein wenig die Stimme.

Viele, sehr viele, antwortete Gottfried, und die meisten hatten keine Zeit, sich auf den Tod vorzubereiten.

Vor Stalingrad?

Ja, sagte Gottfried, in der Kälte und im Schnee, manche von Granaten zerrissen, manche ganz einfach verhungert oder erfroren. Er überlegte etwas. Dann fügte er hinzu, der Tod legt nicht immer den Frieden in ein Gesicht, manchmal ist es das nackte Grauen.

Wie bist du dem entkommen, wollte Fritz wissen.

Ich wurde verwundet, ein Beinschuss und dann mit einem der letzten Flugzeuge ausgeflogen, bevor die Russen den Kessel schlossen. Er wartete.

Fritz sah auf die schwer atmende, aber schlafende Marga.

Es ist besser, der Tod kommt, wie es die Natur eingerichtet hat, als wenn man der Scherge irgend eines fremden Willen ist. Margas Liebhaber tötetet sich für eine Idee, die gescheitert war, du bist damals den Willen Hitlers gefolgt. Du hättest auch sterben könne, wie viele deiner Kameraden. Nach dem Lauf der Natur wären sie vielleicht heute noch am Leben.

Jetzt wartete Fritz.

Gottfried sprach nach einer Weile, alle -Ismen sind menschenfeindlich, ob es der Faschismus, der Kommunismus oder heute der Islamismus ist. Sie sind wie Drachen, die Menschen verschlingen.

Fritz sprach halblaut. Als ich ein Kind, ein Jugendlicher war, habe ich mich oft gefragt, was meine Lehrer während des Faschismus getan hatten, sie sprachen nie darüber. Die ganze DDR war ein Volk von Antifaschisten. Die Lüge sprang uns ins Auge. Habt ihr eigentlich im Westen über eure Verstrickung im Faschismus gesprochen?

Jeder Lehrer hatte es so gehandhabt, wie er es selbst einschätzte, ich habe mit meinen Schülern darüber gesprochen, und wie leicht es ist, die Jugend zu verführen

Margas Stimme unterbrach ihr Gespräch. Sie hatte die Augen geöffnet und sah an Fritz vorbei, als würde sie jemand sehen, der ihren Augen verborgen war.

Nun, bist du da, mein Freund, sagte sie mit ganz klarer Stimme und lächelte völlig entspannt, wie sie Fritz nie erlebt hatte. Er drehte sich unwillkürlich um, aber da war niemand.

Warte noch einen kleinen Moment, sprach Marga weiter.

Fritz schaute zu Gottfried, der nickte, sie sieht den Tod, flüsterte er.

Ach Quatsch, entfuhr es plötzlich Marga, und sie drehte den Kopf zu Gottfried, und ihr Blick war ganz klar. Dann grinste sie und sagte, ich bin eine gläubige Kommunistin. Die Männer lachten.

Ja, sagte dann Fritz, ich habe schon immer gewusst, dass die Kommunisten eigentlich eine Religionsgemeinschaft bildeten, manche verlieren eben den Glauben nie. In der Not schmiedet er um so fester zusammen, das war schon bei den Urchristen so. So geht es heute den Kommunisten, so, so, du gehörst also immer noch dazu.

Marga wandte sich zu Fritz.

Spotte du nur, krächzte sie, an irgend etwas glaubt jeder Mensch, mein Rudi war ein guter Mann. Fritz wagte ein kleines Grinsen, ein Märtyrer der Sache, sagte er.

Marga erwiderte sein Grinsen, und es wirkte seltsam gespenstisch. Ja, sagte sie dann, ja, ja, und sie ließ den Kopf wieder nach hinten in die Kissen fallen.

Gib mir etwas Wasser, befahl sie. Wie selbstverständlich kümmerte sich Gottfried darum, er hielt ihr ein Glas Wasser an die Lippen und sie schluckte gierig in großen Zügen, Gottfried hielt mit einer Hand ihren Kopf ein wenig hoch.

Marga schloss die Augen.

Ich gehe noch nicht, ihr müsst noch aushalten, ich habe noch was zu erledigen. Die letzten Worte flüsterte sie nur, und sie wirkte erschöpft.

Sie ist erstaunlich klar, dachte Fritz.

Du warst ja auch ein Lehrer in der Welt eines -Ismus, fragte ihn Gottfried.

Ja, im Sozialismus, antwortete Fritz, und im Gegensatz zu dir durfte ich nicht ehrlich sein zu meinen Schülern sein, erst ganz am Schluss habe ich mich getraut.

In der Kirche bei diesem Liedermacher?

Ja.

Und dann die Festnahmen.

Wie ging es damals weiter?

Fritz sah zu Gottfried, es wurde immer dunkler, er konnte seine Augen nicht mehr erkennen. Das Zwielicht ist ein gutes Licht für solche Gespräche.

Ich wurde relativ schnell entlassen, also vor meinen Schülern, ein Polizeioffizier sagte mir, ich solle nach Hause gehen, aber nicht mehr die Schule betreten, ich würde einen Anruf erhalten.

Wer hat dich angerufen, fragte Gottfried.

Die Direktorin, ich würde vorerst beurlaubt sein.

Gottfried meinte, ja, du hattest gesündigt.

Fritz lachte gedämpft.

Weißt du, was das wirklich Komische war?

Was?

Nach Honeckers Sturz erhielt ich wieder von ihr einen Anruf, ich dürfte jetzt wieder unterrichten kommen wie gewohnt.

Wie gewohnt?

Fritz kicherte weiterhin. Ja, wie gewohnt sagte sie.

Gottfried kicherte auch gedämpft. Und nach der Vereinigung?

Da war sie plötzlich verschwunden, und wir bekamen einen Lehrer aus Westberlin als Direktor vor die Nase gesetzt, aber…

Aber?

Ein Jahr später war sie wieder da. Sie sagte, sie hätte eine Entstalinisierungsphase durchgemacht, ihre Akten wären sauber gewesen, und jetzt wüsste sie wie segensreich die Demokratie sei.

Sie wurde wieder als Direktorin eingesetzt?

Ja, sie dürfte es noch heute sein.

In diesem Moment wurde hinter Fritz die Tür geöffnet. Gottfried schaltete eine kleine Nachttischlampe an.

Marga lag da mit offenen Augen.

Fritz fühlte eine Hand auf seine Schulter. Marga hatte einen ganz klaren Blick.

Sie rang nach Luft. Ihr seid eine Familie, vergesst das nicht. In diesem Moment atmete sie ganz langsam aus, und ihre Augen brachen. Fritz drehte sich nicht um, es sah auf die Tote, die lächelte.

Gottfried beugte sich vor und legte seine Hand über ihre Augen.

Annalena Baerbock und Armin Laschet

werden jetzt gejagt. Was haben sie getan? Na, was fast alle Politiker tun: Sie haben ihren Lebenslauf geschönt. Hochstapelei. Wenn es ganz schlimm wird, können sie sich in einem Internetforum „Philosophie“ registrieren lassen, ich hätte da eine Adresse im Internet.

Da legst du die Ohren an, sagt der Berliner 🙂 Was da aus unausgegorenem Habwissen, unterlegt mit zahlreichen Bücherzitaten (Wenn ein Buch und ein Kopf zusammen stößt, und es klingt hohl, grins, muss es nicht das Buch sein) geschwafelt wird, geht auf keine Kuhhaut. Und man giftet sich an, da ist jedes langjährige Ehepaar harmlos.

Ja, so wird es demnächst auch in den Talkshows weitergehen bis zur Bundestagswahl. Politsprech, nicht nur bei den Prominenten.

Behalten Sie die Nerven und nehmen das gar nicht zu Kenntnis, ich habe in diesem Forum eben zehn Minuten gelesen und wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte … Der Balkon ist bald fertig, trotz Sonne musste ich ihn heute noch einmal zumachen für den letzten Anstrich, aber dann… genießen wir das Corona freie Leben draußen.

Die Briefe 65

Es gibt Tage, da erscheint uns jede Kleinigkeit bedeutungsvoll. Jeder Schritt, den wir gehen, ist wie eine zelebrierte Handlung.

Fritz wusste darum, und er ging langsam durch das kleine Wäldchen.

Er wusste, dass Marga auf den Weg war, diese Welt zu verlassen. Immer wenn ein Mensch stirbt, stirbt eine ganze Welt, eigentlich zweimal. Einmal die Welt, die er wahr genommen hatte, und dann als zweites für die Welt, die ihn verliert. Es gibt nichts Kostbareres als ein Menschenleben.

Fritz erinnerte sich genau an den Tag, als Olga ging. Schon als er aufwachte, wurde ihm jede Minute bedeutungsvoll. Ihr Ringen nach Atem, das war der Kampf um den Grundbaustein des Lebens: Das Atmen. Ihr suchender Blick im Ungewissen, natürlich ahnte sie, dass ihre Stunde gekommen war. So musste ein Embryo auch vor der Geburt fühlen, unser Leben ist ein Kreis, den wir am Ende schließen.

Nein, nein, sagte sich Fritz, so gut kenne ich Gottfried, er ruft nicht einfach wegen eines Zipperleins an. Und innerlich wappnete er sich, es kommt darauf an, sich in solchen Stunden des Abschieds stark zu zeigen.

Im Empfang des Foyers stand eine Frau, die ihn kannte. Fritz grüßte.

Gehen Sie hoch, sie beugte sich über den Tresen, sie schläft jetzt. Der Herr Mansfield ist wohl bei ihr, sie lächelte, er kümmert sich rührend.

Fritz lief die Treppe hoch, vor ihrer Tür gab er sich noch einmal einen inneren Ruck. Er klopfte an und betrat den Raum.

Das erste, was ihm auffiel, war die laute Atmung. Es handelte sich um eine Mischung von Rasseln, Schnaufen und Schnarchen. Die Gardinen waren zugezogen, und es herrschte ein Halbdunkel. Er gewöhnte sich nach einigen Sekunden an das Licht und entdeckte den kleinen Gottfried an der anderen Seite des Bettes am Kopfende. Marga lag auf dem Rücken, ihr Kopf war durch zwei Kissen erhöht, sie schlief. Der Ausdruck ihres Gesichtes war sehr streng und strahlte eine gewisse Würde aus. Fast schien es so, als wenn die Knochen ihres Schädels deutlicher hervor traten, als hätte sie sich schon einmal darauf vorbereitet auf das, was danach kommt.

Das geheimnisvolle Danach, von dem keiner wusste wie es aussah, weder die Frommen noch die Ungläubigen. Vermessen ist es, darüber eine Auskunft geben zu wollen, und die Kirchen im Diesseits sind Häuser voll dummer Heuchler. Auch das stumme Schweigen im Nichts kann eine Form sein zu existieren. Die bekennenden Atheisten sind ebenfalls dumm. Sie schreien ihren Nichtglauben heraus, als würden sie eine tief sitzende Angst verdrängen wollen, es könnte nämlich doch anders sein dort im Danach. Das beste ist, man versucht keinen Schleier zu lüften, vielleicht sind die Sterbenden dem Wissen ganz nah, kurz vor dem letzten Schleier.

Gottfried nickte ihm lächelnd zu. Fritz zog sich vom Tisch einen zweiten an die andere Seite des Bettes. Er flüsterte, wie sieht es aus? Dabei fiel ihm auf, dass Gottfried ein Handtuch bereit hielt, wohl, um ihr Speichel oder Schweiß abzuwischen.

Gottfried flüsterte auch. Sie schläft jetzt schon einige Stunden, flüsterte er, in der Nacht war sie wach und auch ganz klar, sie hat nach dir gefragt. Fritz nickte, weil er wusste, auch sein verstehendes Nicken war angesichts des Todes bedeutungsvoll.

Sie hat nicht viel Glück gehabt im Leben, sagte er nun lauter mit fester Stimme.

Mag sein, antwortete Gottfried, aber was ist schon Glück. Er beugte sich etwas vor und tupfte einen dünnen Rinnsal Spucke von ihrem Kinn.

Fritz, sagte auf einmal laut Marga, aber sie hielt die Augen geschlossen.

Ja, antwortete Fritz und ging näher zu ihr heran, was ist, Marga?

Fritz, bist du hier?

Ja, ich bin hier.

Das ist gut, das ist gut, sprach Marga, ihr Kopf neigte sich ein wenig zur Seite.

Dann war nur wieder das Rasseln, das Schnaufen und das Schnarchen zu hören.

Sie hat im Traum gesprochen, sagte Gottfried leise.

Dann schwiegen sie beide und sahen auf die Sterbende.

Fritz dachte daran, dass er für sie wahrscheinlich wichtiger gewesen war, als sie für ihn. Darum wollte sie auch nie etwas von Olga wissen, es war wie eine letzte Eifersucht.

Nach dem Mauerfall, hatte sie ihn besucht, ihn und seine kleine Familie, Katharina war noch ein Kind, und er lebte noch mit ihrer Mutter zusammen.

Marga war Anfang sechzig und völlig aufgelöst. Ihr Liebhaber, wahrscheinlich der einzige ihres Lebens, dieser stalinistische Parteisekretär hatte sich das Leben genommen. In der sich auflösenden DDR gab es massenweise Selbstmorde, vor allem von Funktionären der mittleren Ebene. Es handelte sich ausnahmslos um Idioten, die den ganzen Blödsinn bis zum Schluss geglaubt hatten.

Marga war außer sich. Sie saß am Wohnzimmertisch und rauchte unentwegt.

Er war die große Liebe meines Lebens, flüsterte sie heiser, und nun hat er sich einfach erschossen. Fritz sah seine Frau an.

Sie waren zweimal zu Besuch bei Marga gewesen, als auch dieser Stalinist anwesend war. Das ganze entbehrte nicht einer gewissen Komik und war voll alberner Heuchelei. Marga führte sich auf wie eine Ehefrau und alle Beteiligten wussten, dass dieser Mann, der Rudi hieß, Frau und Kinder hatte, die nichts von seinem Verhältnis zu Marga ahnten. Es war eine Schmierenkomödie, wie sie nur das Leben hervorbringen kann, zumal sich Rudi aufführte wie ein Pascha. Er brüllte Marga an, wo denn die Schlagsahne bliebe, und Fritz blickte mit einigem Befremden auf seine Frau und sein Kind. Beim zweiten Mal brüllte Rudi, ob Marga immer noch nicht gelernt hätte, wie man eine ordentliche Suppe kocht.

Fritz versuchte ein Gespräch mit dem Mann, ob es das Ideal des Kommunisten sei, in Stalins Lagern in Sibirien in Kälte und Schnee zu verhungern.

Dieser Rudi grinste dünn, Stalin hatte ein paar Tendenzen zum Personenkult, aber wäre ein aufrechter Kommunist gewesen.

An der Tür verabschiedete sie Marga und sagte, Rudi ist ein Mann mit Ideale, während er aus der Stube schrie, Marga, wo bleibst du, halte dich nicht mit diesen Renegaten auf.

Nach Rudis Selbstmord saß also Marga in ihrer Stube und flüsterte, in meinen Träumen schlafe ich immer noch mit Rudi und dann bist das plötzlich du, Fritz, nicht Rudi.

Schweigend war damals seine Frau aufgestanden und hinaus gegangen.

Später sagte sie zu Fritz, ich möchte nie wieder, dass uns deine Schwester besucht.

Das alles ging Fritz durch den Kopf, während er die röchelnde Marga betrachtete.

Er sah Gottfried an. Was sagt der Arzt?

Sie ist zu alt, um das zu überleben, antwortete Gottfried und lächelte sanft…

Jonas71 bei 50+ Forum

ich habe mich dort für 3 Monate registrieren lassen, um mal zur Zerstreung einige Geschichten zu veröffentlichen. Sie werden alle überarbeitet und geändert (smile, meine Geschichten sind grundsätzlich dazu da), macht Spass und bietet Zerstreuung durch ein recht lebhaftes Kommentargeschehen . Als Autor bekommt man kein Honorar, muss aber ca 25 Euro (pro Monat) selbst bezahlen bei 3 Monaten Premium-Mitgliedschaft, grins. So ist der Kapitalismus 🙂 Hier:

Männer halt

Jonas freute sich, wenn Bernd nach seiner Arbeit auf ein Bier kam. Bernd kann gut Geschichten von seinen Patienten erzählen, er ist Therapeut, spezialisiert auf Massagen. Meist grinste er wie heute, wenn er Jonas sieht. Er kannte seinen Hunger nach guten Geschichten, natürlich, sie sind immer äußerst vertraulich zu behandeln.

„He, alles klar, Alter?“

Er setze sich gegenüber, das Bier hatte er sich schon am Tresen von Svenja geholt, Kamenke stellte andauernd junge Russinnen ein, die nach einer Weile wieder verschwanden, weil sie Theologie in Leipzig studieren wollten. Gerüchteweise waren sie aber auch als Prostituierte im Westteil tätig, Bernd wusste mehr darüber, aber das war nicht nur vertraulich, sondern sehr vertraulich.

„Und?“ fragte Jonas.

„Wie alt bist du eigentlich?“ fragte Bernd.

„Fünfundsechzig.“

Bernd lachte.

„Das könnte hinhauen.“

Sein Lachen war wie immer ansteckend.

„Also los, erzähl…“

Er hatte eine neue Patientin.

„Sie ist Studentin, aber steht kurz vor dem Abschluss. Ich denke, sie ist sehr ehrgeizig und wird noch eine Doktorarbeit schreiben, und zwar vor dem Diplom, damit dann alles schnell geht. Während der Therapie sprach sie nur über Frauenrechte, trotzdem sehr locker und engagiert. Sie ist eine Frau, die weiß, was sie will. Sie pausierte mehrere Monate mit den Massagen, ich vermutete wegen Corona, deshalb war ich überrascht, dass sie heute zu einem Termin erschien und ein Baby mitbrachte, wir stellten den Kinderwagen neben ihre Liege. Das war sehr lustig, das Kind schlief, und sie ließ sich den Nacken massieren.Ja, ich habe das jetzt mit dem Baby erledigt, erklärte sie mir mit geschlossen Augen, wenn später mein Job beginnt, kann ich mir keine Auszeit erlauben.Aber ein Kind muss schon sein.“ Bernd schwieg, wischte sich mit dem Handrücken Schaum vom Mund, und hatte so ein verstecktes Lächeln in den Augen, während er Jonas ansah. Mehr von der Seite

Sie tranken erst mal und prosteten sich zu. Jonas war ganz Ohr.

„Ich fragte nach dem Vater, schließlich wollte ich wissen, wie er dazu steht,“ fuhr Bernd endlich fort“, räusperte sich, „einen Vater gibt es nicht, sagte sie.“

„Wie geht denn das?“ Jonas lachte.

Bernd wischte sich erneut mit dem Handrücken über den feuchten Mund, grinsend.

„Sie riss belustigt die Augen auf, und meinte nur, „wir brauchen keinen Vater, wir brauchten nur einen Erzeuger‘.“

Da lachten sie beide, Jonas und Bernd.

„Sie erzählte mir sogar von dem Erzeuger. Er ist ein älterer Mann, sehr klug und belesen, der in einem Szenecafé oft anzutreffen ist. Sie machte mit ihm ein Arrangement wegen der Zeugung:er braucht natürlich keine Alimente zu zahlen, darf aber keinen Kontakt mit dem Kind suchen.“

„Oha“, sagte Jonas, er war ein wenig blass geworden und griff schnell zum Bierglas, „der arme alte Mann, da gelang es ihm noch mal ein Kind zu zeugen, und er kann es nicht genießen.“

Bernd, der selbst junger Vater ist, beteuerte:

„Das ist nicht immer ein Genuss.“

Jonas sann vor sich hin. Dann sagte er:

„Erzähl weiter.“

„Und dann erzählte sie mir eine Begebenheit, die lustig war“, meinte Bernd, ohne scheinbar auf Jonas zu achten.

„Neben dem Szenecafé befindet sich ein großer Kinderspielplatz. Sie ist der Ansicht, dass es dem Baby gut tut, dort im Wagen zu sitzen und spielende Kinder zu beobachten, für den Sandkasten selbst ist es noch zu klein, außerdem ist da zu viel Schmutz Sie selbst könne dort wunderbar in ihren Lehrbüchern lesen, Soziologie und Geschichte, die Rolle der Frau in den letzten Jahrhunderten, so was halt…“

Bernd beugte sich etwas vor:

„Und neulich eben ging sie mit dem Wagen heim, das Baby saß vergnügt darin, einen Nuckel im Mund.Vor dem Szenecafé saß aber der alte Mann, der Erzeuger, trank einen Gin mit Tonic, entspannt in der Abendsonne, und sie fuhr an ihm vorbei, er schaute.“

„Und dann?“ fragte Jonas mit tonloser Stimme.

„Das Baby schaute auch, sagte sie, die beiden schauten sich direkt an.“

„Und?“

„Auf einmal juchzte das Baby und warf den Nuckel in seine Richtung, als würde es ihn…“

„Erkennen?“

Bernd fuhr ungerührt fort. „Die Kominsky-Method bei Netflix mit Michael Douglas musst mal schauen.“ Jonas runzelte die Stirn.

„Der Alte machte doch Anstalten aufzustehen und den Nuckel aufzuheben…“ Bernd grinste, er wusste ja, dass Jonas so was nicht guckt.

Jonas war fasziniert.

„Was geschah dann?“

„Na ja, sie war schneller, sie habe ihn mit einem Blick verwiesen, sich zurück zu halten und sich besser seinem Gin zu widmen. Und den Nuckel selbst aufgehoben, das Kind ist ja noch ganz unschuldig. Außerdem habe sie immer einen nassen Lappen in einer Plastiktüte dabei, um den Nuckel zu säubern.“

Jonas und Bernd lachten.

Männer halt.

Bernd stand auf, „Ich muss los“, er bezahlte bei Svenja, die völlig ungerührt zugehört hatte.

Beim Hinausgehen sagte Bernd:

„Das Baby ist ein Junge…“

Jonas war allein mit Svenja.

„Habe noch Wunsch?“ fragte sie.

Jonas überlegte:

„Bringe mir noch einen Gin Tonic nach draußen.“

Wenig später saß Jonas auf einem Stuhl, der Bürgersteig war belebt voll guter Laune, nebenan lärmten die Kinder auf dem Spielplatz – und hatte auf einmal das Gefühl, die Abendsonne lachte ins Blau, Coroana-Beschränkungen waren aufgehoben, Kinder juchzten nebenan und dann, in dem Kinderwagen strampelnde Füßchen, ein Nuckel flog…als erlebe er eine Sonnenfinsternis.

So großartig war das.

Er musste nach Hause und das sofort aufschreiben 🙂 und fühlte sich endlich erkannt…

Die Briefe 64

Er fand keinen Schlaf und wälzte sich unruhig im Bett hin und her. Der Tod ist ein hagerer Schnitter und seine Sense mäht gnadenlos. Wann unsere Zeit gekommen ist, steht in einem verborgenen Buch, genau die Zeit, es gibt keinen Ort, an dem wir entfliehen können. War nun Margas Zeit gekommen? Sie war doch seine Schwester. Von ihrem ersten Gehalt hatte sie ihm Rollschuhe gekauft, da war er ein kleines Kind gewesen.

Aber er wird auch seine Tochter wieder sehen. Nach all den Jahren, erschien ihm ihr Streit so nichtig wie der flüchtiger Lufthauch an einem Sommerabend.

Fritz starrte ins Dunkle zum Fenster, das gelbe Licht gegenüber schien zuverlässig, als wolle es ihm einen Halt geben. Schrieb Balzac wieder in der Nacht? Ließ er eine Welt der Fantasie entstehen.

In Fritz‘ Gedanken lief er durch eine leere Wohnung, in der ihm der Schatten Olgas folgte. Sollte eine neue Frau gegen einen Schatten kämpfen?

Du bist zu alt, um so lange zu trauern, schau nach vorn, hörte er eine Stimme, da war er schon eingeschlafen.

Wer war das? Isabelle? Er lief durch eine Wüste, am Horizont zogen sich Schleier entlang wie Gardinen, die das Jenseits verhüllten.

An der Hand fühlte er Olgas Hand. Nicht so schnell, Fritz, sagte sie, nicht so schnell wir haben doch alle Zeit der Welt vor uns. Die Sonne gleißte, und es gab keine Schatten weit und breit. Wir müssen laufen, laufen, sagte Fritz, komm Olga. Nein, ich möchte ausruhen, wisperte sie. Überall lagen runde Steine im Sand, und als er genauer hinsah, waren es Totenschädel.

Es klang ein Singen in der Luft, ein Pfeifton, das war sein Tinnitus, der sich unerträglich laut verstärkte. Die Totenschädel lachten stumm und zeigten ihre langen vergilbten Zähne, die Skelette waren vergraben im Sand.

Irgendwo dahinten liegt Uganda, beschwor er Olga, da ließ sie ihn los. Er sah sich um, sie war verschwunden wie ein Gedanke, der die Erinnerungen verließ.

Wie siehst du aus, Olga? Du bist so fremd geworden, Olga.

Geh allein weiter, Fritz, hörte er in der flirrenden Luft ihre Stimme wie ein Vögelchen singt. Der Sand hing wie Blei an seinen Füßen und jeder Schritt wurde zum qualvollen Waten.

Du musst kommen, sagte Gottfried, Marga wird gerade eingebuddelt. Ich schaffe das nicht, antwortete Fritz, es ist zu spät.

Und er wachte auf in verschwitzten Laken. Balzacs Fenster war noch immer erleuchtet. Unwiederbringlich, hörte er als letztes Gottfrieds Stimme aus dem Traum, und es war der Titel eines Romans von Fontane.

Fritz stöhnte. Er fand nicht zurück in den Schlaf. Auf nackten Füßen ging er durch die dunkle Wohnung ins Bad zur Toilette.

Er beschloss in der Stube eine Pfeife zu rauchen. Und er öffnete die Balkontür. Die kalte Luft schnitt wie ein Messer in seine Brust. Am Himmel trieben Wolken wie Segelschiffe durch einen dunklen Ozean. Dazwischen leuchteten Sterne und ab und an der Mond, der Freund der toten Seelen. Die Eichen im Park standen wie schweigende Riesen, welche die Ewigkeit bewachten.

Ein einsames Auto fuhr durch die Straße.

Fritz beugte sich vor. Es war ein Taxi, das anhielt, eine junge Frau in einem langen schwarzen Ledermantel stieg aus. Der Fahrer hatte das Licht in der Fahrerkabine eingeschaltet, sie bezahlte an seinem offenen Fenster.

Fritz hörte ihre helle Stimme, ich wünsche Ihnen noch eine gute Nacht. Vielleicht war sie eine Prostituierte, die nach Hause kam und jetzt nur eines wollte, ein heißes Bad genießen. Er schloss die Balkontür und zog die Gardine zu.

Jetzt war er allein mit seinen Gespenstern. Sinnend rauchte er die Pfeife. Es war ganz still. Und eine tiefe Ruhe kam über ihn wie eine warme Decke.

Er saß und rauchte und dachte an nichts. Olga war ganz weit, alles andere blieb unwichtig.

Warum holt mich nicht der Tod, fragte er sich. Und er bekam keine Antwort.

Die Pfeife erlosch, und er ging zurück ins Bett. Jetzt war anscheinend auch Balzac schlafen gegangen, sein Fenster war blind geworden.

Fritz zog sich die Bettdecke über den Kopf. Er war allein. Am Morgen hatte er alle Träume vergessen.

Und ein neuer Tag begann. Er machte seine Liegestütze und lief danach ins Bad. Splitternackt.

Er stützte sich am Waschbecken auf und sah sich im Spiegel an. In seinen Augen versteckte sich das Leben. Guten Morgen, sagte er laut und lächelte.

Später las er die Zeitung. Es handelte sich um die üblichen Verdächtigen, die in Deutschland Steuern hinter zogen, Fritz las das grinsend. Und wenn in Amerika der Schwarze Obama Präsident wird und wirklich einen Wandel anstrebt, werden sie ihn töten, dachte Fritz. Amerika pflegte seine guten Leute zu killen. Da klingelte die Putzfrau.

Er saß am Computer und schrieb.

Liebe Mary, nachher gehe ich und besuche meine Schwester Marga im Heim. Sie hatte einen Schlaganfall und ich befürchte, dass sie sterben wird. Dann habe ich niemand mehr auf dieser Welt. Aber vielleicht werde ich meine Tochter wiedersehen. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Wir haben uns viele Jahre nicht gesehen.

Anschließend surfte er ein wenig herum und las eine kleine Geschichte in einem Blog. Jemand schrieb von einem Maler, der eine schöne Frau malte. Aber als das Bild fertig war, sah er nur seine tote Geliebte wieder. Die Frau, die das Leben darstellte, verließ ihn wütend.

Das war der Fehler des Malers, dachte Fritz, seine Toten muss man loslassen. Er lächelte. Er wusste ja selbst, dass es nicht einfach war. Sein Modell jedenfalls war schuldlos.

Die Putzfrau verabschiedete sich, und Fritz zog Mantel, Schuhe an und setzte seinen Hut auf. Er machte sich auf den Weg ins Heim.

Die Briefe 63

Eine Woche war vergangen und Fritz brachte es auf dreißig Liegestütze. Er spielte den dritten Satz der Mondscheinsonate beidhändig, aber ziemlich langsam. Er spielte nicht wie Horowitz. Er würde nie wie Horowitz spielen.

Als Lektüre hatte er sich einige Romane von Theodor Fontane ausgesucht. Dessen gemütlicher Tonfall sprach ihn an, selbst die Leidenschaften kamen bedächtig her. Der Mann hatte für alte Männer geschrieben wie Fritz, er hatte erst mit Sechzig begonnen Romane zu schreiben.

Wenn Fritz im Internet die Literaturseiten oder literarischen Blogs betrachtete, beschlich ihn der Gedanke wie lautlos tropfendes Gift, er könnte auch anfangen zu schreiben, er könnte über sein Leben schreiben. Aber wollte er gelesen werden? Fritz grinste vor dem Computer. Würde er irgend jemand in dieser Welt die Mondscheinsonate vorspielen wollen?

Das Problem im Internet war es nur, dass einige Autoren offenbar der Ansicht waren, sie schrieben so gut wie Horowitz Klavier spielte. Gegenseitig machten sie sich Mut, rotteten sich zu Haufen zusammen, um mühselig Anthologien zusammen zu schustern. Wahrscheinlich quälten sie mit den Büchern ihre Verwandtschaft. Sie gaben sich Tipps, wie man kleine Verlage finden könnte, als wäre das der erste Schritt zum Nobelpreis.

Und dann las Fritz ihre Werke. Es gab nur wenige Varianten, aber alle waren Imitationen großer Autoren. Entweder sie blätterten ihre Seele auf wie die Bachmann oder Rilke, oder sie gaben sich cool als Bukowskijünger, sie waren nie echt. Eine las er besonders gern, sie schrieb wie die Pilcher und gebärdete sich mit der Attitüde einer politisch korrekten Frauenrechtlerin. Die Kommentare grenzten an die Anbetung einer Heiligen. Sie war ganz einfach schlicht. Sind nicht alle Heiligen schlicht? Und sind Menschen nicht zumeist ebenfalls schlicht? Wir lieben das, was uns ähnlich ist.

So manche Tage saß er vor dem Computer und lachte laut. Besonders über Kommentare. Eines Tages fand er eine pornographische Geschichte dieser auf dem Foto etwas pummligen Dame, sie vermengte pornographische Darstellungen mit politisch fortschrittlichen Haltungen der Helden zu einem unappetitlichen Gesöff. Da blieben die Kommentare plötzlich aus. Die gute Frau hatte tatsächlich die Unverschämtheit, sich zu wundern und Kommentare einzufordern. Offenbar waren da selbst die schlichten Anhänger überfordert. Fritz lachte minutenlang vor dem Computer, dass seine Putzfrau leise die Tür öffnete und lächelnd nach ihm sah.

Wollte er so ein angeblicher Autor sein? Nein.

Fritz wollte nur eins, irgendwie anständig bleiben. Eines Tages fand er im Briefkasten einen neuen Brief, aber es war noch ein zweiter darin, den er allerdings öffnete. Eine Versicherung bot ihm eine Sterbegeld-Absicherung an. Fritz las das Schreiben gründlich durch und entschied sich, für die spätere Beseitigung seines Leichnams allein zu sorgen. Man würde Katharina finden. Und sie sollte nicht wegen ihn etwas bezahlen müssen.

In der Zeitung las er einen Aufsatz eines Wissenschaftlers. Nach dessen Erkenntnis, würden die Ölvorräte der Erde viel früher zu Ende gehen, als man bisher angenommen hatte. Schon im Jahre 2028 könnte es so weit sein. Natürlich würden die Autofahrer noch den letzten Tropfen Benzin zum Beschleunigen nutzen. Aber dann würde unsere Zivilisation wie eine Seifenblase platzen, niemand ist darauf vorbereitet, schrieb der Wissenschaftler. Nachdenklich sah Fritz am Abend auf die Gasflamme, mit der er sein Frikassee kochte. Die Welt war aus den Fugen.

Er saß immer noch nachdenklich im Lichtkreis der Leselampe. Und er ließ das Buch Fontanes auf den Schoß sinken und träumte in die dunkle Nacht, aus der die Geister wisperten. Im Jahre 2028 wäre er achtzig Jahre alt, wenn er noch am Leben wäre. Würde er in Uganda leben, würde er den Zusammenbruch der modernen Zivilisation gar nicht registrieren, vorausgesetzt die Klimakatastrophe würde nicht ihr gieriges Maul aufreißen und auch Afrika verschlingen. Mary würde bei ihm sein, aber er könnte nicht mehr das Grab Olgas besuchen. Das Gespräch eine Woche zuvor mit Isabelle, der Bordellchefin hatte ihn nachdenklich gemacht. Du findest hier auch noch eine gute Frau, hatte sie gesagt. Aber wollte er das? Wollte er denn die junge Mary heiraten? Wollte er überhaupt eine Veränderung? Wie Buridans Esel zwischen den Heuhaufen, saß er zwischen seinen Möglichkeiten zu leben und konnte sich nicht entscheiden. Er seufzte gedankenvoll und sagte laut, ach Olga. Theoretisch könnte er neunzig Jahre alt werden. Das wären noch dreißig Jahre sehnsüchtiges Warten auf den Tod, dem guten Bruder. Er sah sich wie ein Krokodil zwischen ewigen Steinen liegen, wo die Sonne keine Schatten mehr wirft. Da klingelte das Telefon.

Normalerweise telefonierte Fritz nicht, es sei denn irgend ein Callcenter machte eine Hatz auf ihn. Dann legte er schnell wieder auf. Er ging in den Flur und nahm den Hörer ab.

Die leise sanfte Altmännerstimme von Gottfried erkannte er sofort.

Hallo, Fritz, bist du es?

Ja, ich bin es, Gottfried, woher hast du meine Nummer?

Ich habe sie bei Marga gefunden.

Als Gottfried diesen Satz sagte, begann Fritz‘ Herz schneller zu klopfen. Wir sind wie Tiere, wenn wir Unheil wittern.

Was ist mit Marga?

Gottfried besänftigte ihn, zunächst, sie ist am Leben, aber sie hatte wohl einen Schlaganfall. Man muss sie jetzt füttern, und sie darf auch nicht mehr heraus an die Luft, vorerst jedenfalls nicht. Aber es wäre vielleicht besser, du würdest sie besuchen kommen.

Ja, ich komme morgen, antwortete Fritz und legte auf.

Dann hörte er die Stimme Gottfrieds, deine Tochter werde ich auch benachrichtigen.

Ungläubig fragte Fritz, meine Tochter?

Ja, Gottfrieds Stimme klang ganz ruhig, Marga hat doch sonst niemand.

Ist gut, sagte Fritz und legte auf…

Die Kleine im Park

(vor ca 20 Jahren gschrieben)

Ach, dachte ich, man darf sich nicht überanstrengen. Obwohl es nicht ganz in Ordnung war, will man gut werden, müsste man Tag und Nacht arbeiten. Aber draußen schien die Sonne, die drückende Hitze hatte sich bereits gelegt. Und ich gab dem Faultier in mir nach und beschloss, ein wenig in den Park zu gehen. In Ruhe einfach nur dasitzen, rauchen und schauen, was die Welt so trieb.

Im Park waren sogar mehrere Bänke frei, ich konnte mir eine aussuchen. In der Nähe befand sich ein Kinderspielplatz, aber nicht so nah, dass der Lärm störte. Kinder beobachten, machte mir Spaß. Diese Lebensfreude, die sich im Laufen, Klettern und Ball spielen zeigte, erzeugte in mir ein heiteres Gefühl. Na, ich möchte es nicht verschweigen, auch die jungen Mütter in ihrer luftigen Kleidung erzeugten in mir ein freudiges Gefühl. Schöne glückliche Menschen sehen, das tat mir einfach gut. Ich wusste, die Welt war nicht in Ordnung, und wenn alles so weiter geht, gerät sie eines Tages aus den Fugen. Aber war ich kleiner Mann für die Welt verantwortlich? Ich hatte mir einen Ort gesucht, an dem es den Anschein hatte, als wäre die Welt im Frieden und im Glück. Einfach nur dasitzen und atmen und nichts denken. Nachdem ich die Zigarette sorgfältig ausgedrückt und in den Mülleimer geworfen hatte, wie es ein anständiger Bürger macht, faltete ich die Hände über mein kleines Bäuchlein, streckte die Beine weit von mir, ließ den Kopf sich anlehnen, er sollte sich auch ausruhen, der gute, schloss die Augen und bot der Sonne mein Gesicht dar. Ich träumte ein wenig von Afrika. Die Weite, die Tierherden, der Nakurusee, als uns die kleinen Affen überfielen… ich träumte und träumte.

„He!“

Ich fuhr hoch.

„Was ist los?“

„Sie schnarchen.“

Neben mir saß ein Mädchen, ein schönes Mädchen, das musste ich schon eingestehen, sehr schön sogar, wie ein Engel.

Ich drehte den Kopf ein wenig zur Seite, und ich hatte noch das Lächeln aus Afrika geschickt im Gesicht.

„Setz dich doch auf ’ner and’ren Bank, sind genügend frei.“

„Nö“, antwortete sie und warf mir einen Augenaufschlag zu, dass ich dachte, dieser Engel hat vielleicht den Teufel im Leibe.

„Warum denn nicht?“

Sie lächelte.

„Einmal kann man hier schön die Kinder beobachten und außerdem“, wieder dieser Augenaufschlag, „hatte ihr Gesicht so einen glücklichen Ausdruck trotz des Schnarchens, dass es mich interessiert, warum.“

„Mh“, knurrte ich und betrachtete sie von der Seite.

„Ja, es stimmt, ich trage keinen BH.“

„Uff“, antwortete ich und richtete mich etwas hoch, „ich bin zwar alt, aber auch noch ein Mann, entschuldige bitte, wenn sich meine Augen ein bisschen verirrten.“

Sie grinste.

„Das sollen ja die Augen der Männer, sonst würde ich ja einen tragen.“

Ich räusperte mich. Meine Güte, dachte ich, die Kleine hat’s aber faustdick hinter den Ohren.

„Na ja“, sagte ich dann, „wenn du es so siehst, sag ich dir, du hast es auch nicht nötig, einen zu tragen, bist ein verdammt hübsches Kind.“

Sie lächelte wieder mit Augenaufschlag. Ich vergaß es, die Kinder zu beobachten.

„Ich bin kein Kind“, sagte sie.

„Okay, entschuldige, übrigens hast du auch ein schönes Gesicht, ich guck nicht nur auf die Brüste, wie alt bist du denn?“

„Einundzwanzig und Sie?“

Sie wippte mit ihren hochhackigen schwarzen Lackstiefeln, die bis über die Knie reichten. Die Wärme schien ihr nichts auszumachen. Zwischen Stiefelrand und Rockansatz sah man trotzdem noch sehr viel von den Beinen. Mit einem anderen Wort, die Kleine hatte sich verdammt „scharf“ zurechtgemacht.

„Oh“, ich stöhnte etwas, „ich bin fünfzig.“

Warum, dachte ich bei mir, fange ich an zu lügen, ich bin doch dreiundfünfzig, bin ich ’ne Frau, oder was.

„Schönes Alter.“

Ihr Lächeln war vieldeutig.

Ha, schön wie ein Engel, überlegte ich, ich hab’s hier doch nicht etwa mit einer Professionellen zu tun und dachte mit Wehmut an meine Barschaft. Andererseits, ihr Gesicht war einfach zu unschuldig für eine Professionelle, und damit beendete ich meine Überlegung in diese Richtung.

„Und warum hatten Sie dieses glückliche Lächeln im Gesicht? Sah irgendwie gut aus.“

„Oh, danke, alte Männer hören auch gern Komplimente.“

„So alt sind Sie gar nicht.“

Schon wieder, was ist mit der Kleinen los, dachte ich.

Und dann sagte ich:

„Nee, im Ernst, ich träumte von Afrika.“

Jetzt spielte sie die Interessierte, oder sie war wirklich neugierig.

„Afrika? Waren Sie dort?“

„Ja, drei Monate.“

„Und wie ist Afrika?“

Mh, ich überlegte, wie sollte ich das dem kleinen Engel sagen?

„Afrika ist sehr schön, und es ist sehr schrecklich zugleich, die Hölle und das Paradies.“

Sie kräuselte ein wenig die Stirn, von Falten konnte bei ihr noch nicht die Rede sein.

„Und Deutschland?“ fragte sie.

Ja, jetzt wurde ich langsam munter. Ich unterhielt mich gern mit jungen Menschen, nur hier in Deutschland unterhielten sich junge Menschen nicht gern mit alten. Deswegen verdutzte mich die Kleine etwas.

„Deutschland ist, wie dazwischen, weißt du, weder Himmel noch Hölle, immer in den Wolken, immer trübe. Und auch nicht so lebendig, wie Afrika.“

Ich lachte. Sie lachte nicht, sie blieb ernst.

„Ich finde Deutschland ist auch sehr schön.“

„Klar, wenn du es so empfindest, schicke Läden, schicke Discos.“

Ich war ja schließlich nicht auf eine Diskussion aus, an so einem schönen Tag. Probleme hatte ich zu Hause am Schreibtisch genug.

Sie lächelte.

„Sie sind klug, Sie haben mich erkannt, das ist meine Welt.“

Dann, nach einer angemessenen Pause, fragte sie:

„Haben Sie auch Tiere in Afrika in freier Natur gesehen?“

Ich grinste.

„Natürlich, einmal in der Dämmerung ganz junge Löwen, nicht viel größer als Hauskatzen aus zwei Meter Entfernung. Sie spielten, kletterten auf ihren Müttern herum, purzelten durcheinander. Leider war es schon zu dunkel, die Fotos wurden nichts, aber die Erinnerungen sind im Kopf, wie beim alten Mann von Hemingway.“

Sie hatte mich ins Schwärmen gebracht, aber sie blieb ganz cool.

„Hemingway“, fragte sie, „wer ist das?“

„Liest du keine Bücher?“

„Nö, das ist langweilig.“

Wenn sie zufrieden ist, dachte ich bei mir, ich bin kein Messias der Literatur.

„Gehst du noch zur Schule?“

Sie lachte herzhaft.

„Schon lange nicht mehr, Gott sei Dank.“

„Was lernst du?“

„Nichts.“

Das war ihre lakonische Antwort.

„Und was machst du?“

„Ich such mir einen Mann.“

Nun stutzte ich aber sehr.

„Das ist dein Lebensziel?“

Sie schien völlig ungerührt.

„Ja, ich möchte einen Millionär heiraten, drei bis vier Kinder bekommen, ich liebe Kinder, ein schönes Haus mit Garten haben, eine Motoryacht, einen Mercedes natürlich, ganz einfach. Ich möchte ein gutes Leben haben.“

Das musste ich ihr lassen, sie wusste genau, was sie wollte – und sie war ehrlich.

„Dein Lebensziel ist also Hausfrau und Mutter?“

„Ja, genau.“

Jetzt kam der Vater in mir hoch, schließlich hatte ich eine Tochter, die studierte angestrengt.

„Und dich selbst verwirklichen, auf eigenen Füssen stehen können…“

Sie unterbrach mich fast ärgerlich.

„Hören Sie mir mit dem Emanzenquatsch auf, den finde ich zum Kotzen.“

Jetzt hob ich den Zeigefinger.

„Das Wort musst du dir abgewöhnen, wenn du in solche Kreise vorstoßen willst.“

„Was soll ich denn sonst sagen?“

„Na, da wird mir übel, oder so was.“

„Guter Tipp.“

Eigentlich wollte ich mich nur entspannen. Ach das Leben steckt voller Geschichten. Wobei, diese war ja nicht besonders interessant.

„Wovon lebst du eigentlich, bis du deinen Millionär gefunden hast?“

Sie lachte auf eine wirklich erfrischende Art, dieses Menschenkind hatte offenbar keine Probleme.

„Ich wohne zu Hause und bekomme gutes Taschengeld, mein Vater arbeitet seit Jahrzehnten bei der Polizei, und er ist jetzt Oberinspektor, der verdient genug. Er wurde im Westen übernommen, obwohl ich glaube, dass er früher bei der Stasi war…“

Das Wort „Oberinspektor“ sprach sie sehr ironisch aus, sie hatte Humor, ohne Zweifel. Und jetzt fügte sie hinzu, wieder mit diesem vermaledeiten Augenaufschlag:

„Und wenn ich in die Disco gehe, muss ich fast nie was bezahlen.“

Ich konnte mich kaum noch halten vor Lachen.

„Das glaub ich dir aufs Wort. Früher in der DDR warst du noch ein Kind.“

Sie lachte auch.

„Ja, und ich war in den Pionieren…“

Dann fragte ich:

„Wie muss denn der Millionär aussehen, wie alt muss er sein, welchen Charakter soll er haben?“

„Das ist mir egal, Hauptsache Millionär, ich hatte schon viele, alle ganz unterschiedlich, im Alter, im Aussehen, im Charakter, zu mir sind sie alle nett.“

„Wie, du hattest schon viele Millionäre?“

Sie winkte ab. Sie machte wieder auf so eine niedliche Weise einen ärgerlichen Ausdruck.

„Ja“, antwortete sie, „es waren alles nur Schwindler, sobald ich die Kontoauszüge kontrollierte, weg damit.“

Immerhin konsequent, dachte ich. Aber eines interessierte mich doch verständlicherweise:

„Wie alt war denn der älteste dieser Schwindler.“

„Dreiundfünfzig Jahre.“

Sie antwortete ungerührt. Das war ’n Ding für ein deutsches Mädchen mit diesem Aussehen, afrikanische junge Frauen benutzen ja sogar das Sprichwort „Alte Männer sind Gold“, aber eine deutsche?

„Da hast du doch nix vom Sex.“

Jetzt wollte ich es wissen. Sie antwortete doch tatsächlich:

„Wissen Sie, die Jungen in meinem Alter können zehnmal am Tag a fünf Minuten, ein Mann in ihrem Alter kann einmal a zwei Stunden, wo hab‘ ich mehr davon?“

Ich war total verblüfft, und sie war noch nie in Afrika!

Ich murmelte: „Ich kann dreimal a zwei Stunden.“

Wir lachten beide.

„Das ist gut, die Wahrscheinlichkeit ein Kind zu zeugen liegt höher.“

Sie fragte:

„Sind Sie Millionär?“

„Nee, das Gegenteil.“

„Schade.“

Na, das war aber wirklich nett von ihr.

„Ich kann ja noch heute zum Lottoladen gehen.“

„Ja, tun Sie das,“ antwortete sie, „ich würde Sie auf der Stelle heiraten.“

Gut, nun setzte ich mal eine ernste Miene auf.

„Hör mal zu, Mädelchen“, sagte ich, „das hört sich alles ganz toll an, aber du bekommst in zwanzig Jahren ein Problem.“

„Was für ein Problem?“

„So ein richtiger Millionär hat einen ganzen Sack voll Anwälte, die handeln einen Ehevertrag aus, da schaust du gar nicht durch. In zwanzig Jahren, wenn du vier Kinder hast, siehst du nicht mehr wie heute aus, der Hintern geht in die Breite, der Bauch wird dick und faltig, die Brüste..“ Sie unterbrach mich: „Hängetitten.“ „Das Wort musst du dir auch abgewöhnen.“ „Was sonst.“ „…die Brüste“, fuhr ich fort, „haben nicht mehr die Festigkeit und den Halt wie einst in jungen Jahren.“

„Aha.“

Dann sagte sie:

“ Ich weiß schon, was Sie mir sagen wollen, ich sitze da mit vier Kindern ohne was, und der Mann haut ab mit einer Jüngeren.“

Sie legte eine bedeutungsvolle Pause ein.

„Ich hab‘ mir das auch überlegt, in dem Fall erschieße ich ihn.“

Mir stand der Mund offen.

„Woher willst du die Pistole haben?“

Sie streifte ihren kleinen Rucksack ab, wobei ich nicht umhin konnte, das herrliche Schaukeln ihrer wunderbaren Brüste schielend zu beobachten, doch dann öffnete sie den Rucksack und holte – eine nagelneue Pistole heraus. Ich starrte fassungslos.

Sie kicherte.

„Ich sagte Ihnen doch, mein Vater ist Polizist, hab‘ ich geklaut, zwei Wochen suchten sie nach dem Ding, und er musste einen langen Bericht schreiben.“

„Und die Pistole ist…“ „…scharf geladen, sechs Schuss“; ergänzte sie meine nicht zu Ende gestellte Frage gleich mit der Antwort.

Dann packte sie die Pistole wieder ein, sauber in ein Tuch gewickelt, und sie schnallte sich das Rucksäckchen wieder um.

„Ich muss jetzt, war schön, mit Ihnen zu plaudern.“

„Tschüss“, antwortete ich immer noch sprachlos, aber dann sagte ich, „viel Glück“, sicherheitshalber.

Nach drei Schritten drehte sie sich noch einmal um, und sie kehrte zurück. Schweigend gab sie mir eine kleine Karte.

„Was ist das?“ fragte ich.

„Meine Telefonnummer“, antwortete der kleine Engel, „Sie wollten doch noch zum Lottoladen, für den Fall der Fälle.“

Ich sah ihr lange nach. Was für einen schönen Gang die Kleine hatte.

Einmal noch, ganz weit entfernt schon, wackelte sie keck mit dem Hintern. Sie wusste genau, dass ich ihr hinterher sah, und sie hob den Arm und winkte ohne sich umzudrehen.

Ich ließ meinen Kopf wieder gegen an der Lehne ruhen und schloss die Augen.

Wäre ein schöner Abschluss, mit dreiundsiebzig Jahren aus Eifersucht erschossen zu werden, dachte ich und grinste gedankenverloren vor mich hin.

Dann schaute ich auf die Uhr. Oh, ich musste mich sputen, der Lottoladen schloss ja bald.

Die Briefe 62

Isabelle hatte einen spöttischen Glanz in den Augen.

Du willst nur Liebe machen, wenn du geliebt wirst. Und wenn ich liebe, ergänzte Fritz. Lieben und geliebt werden.

Wir alle leben nach Konventionen, sehr strengen sogar. Ich glaube, in unser angeblich so freien Welt sind wir noch enger in solchen Konventionen eingebunden, als Generationen vor uns. Die Sexualität ist nur einer kleinen Gruppe der Menschen genehmigt, so zwischen sechzehn und vierzig vielleicht. Wenn die Leute darunter oder darüber sind, wird es peinlich. Eines der Mädchen arbeitete in einem Altersheim, bevor sie zu uns kam. Was meinst du, was sie erzählte, wie sie im Nachtdienst die Türen klappern hörten, wenn die über achtzig Jährigen heimlich in fremde Betten schlichen?

Fritz lachte. Er dachte an Gottfried und Marga. Warum ging der alte Gottfried eigentlich so fürsorglich mit Marga um?

Jede Kultur ist da auch anders, sagte er laut. Unsere wird, was die Liebe angeht, durch Hollywoodfilme geprägt.

Ja, stimmte ihm Isabelle zu, und der Mann muss stark und groß und ein wenig älter sein, und die Frau zart und schön und ein wenig dümmer.

Sie lachten beide.

Eines der Mädchen, erzählte Isabelle, hatte hier mal einen Stammfreier, er kam einmal die Woche, und er buchte sie für zwei Stunden, er war vielleicht in deinem Alter, sie sah Fritz prüfend an…

Sechzig, sagte Fritz.

Gut, erzählte Isabelle weiter, er war vielleicht sechzig und das Mädchen Anfang zwanzig. Sie hatte einen festen Freund, der auch Anfang zwanzig war.

Sie überlegte kurz, ich werde diesen Freier Rudi nennen. Okay, sagte Fritz und grinste, in diesem Gewerbe herrscht eben die Diskretion.

Isabelle beugte sich etwas vor. Wenn die Zeit nahte, der Tag an dem Rudi erschien, wurde das Mädchen aufgeregt und zapplig wie ein verliebte Teenager. Die anderen Mädchen zogen sie schon auf, wenn sie sich unterhielten. Andauernd erzählte das Mädchen von Rudi. Sie sprach manchmal von Büchern, von Musikern, erwähnte alte Philosophien, sie wollte sich über Religionen unterhalten, über Kunst und Konventionen. Die anderen lachten nur, ach du mit deinem Rudi. Ich fragte sie einmal, was sie eigentlich mit Rudi so treibe in den zwei Stunden. Ach, sagte sie, vor allem unterhalten wir uns. Und der Sex, fragte ich… ja, sagte sie, Rudi ist ganz sanft, und dann lächelte sie, er weiß, was ich mag.

Rudi erschien, und ihre Augen leuchteten.

Fritz fragte dazwischen, seine auch?

Isabelle lachte. Ja, seine auch.

Dann erzählte sie weiter, der Freund dieses Mädchens, ich nenne ihn mal Sven, kam sie manchmal hier von der Arbeit abholen, er fuhr mit einem schicken Motorrad vor. Die anderen Mädchen beneideten sie, oh Mann, der sieht echt geil aus, und dann erst einmal das geile Motorrad, so in etwa…

Ja, fragte Fritz dazwischen. Und zündete seine Pfeife neu an, er ließ Isabelle nicht aus den Augen.

Und eines Tages, erzählte das Mädchen, hört mit bloß mit Sven auf, das ist ein echter Langweiler, den ganzen freien Tag saß ich in der Garage herum, während er mit seinen Kumpels an Motorrädern bauten, die taten als wäre ich gar nicht anwesend. Und wisst ihr, über was die sich unterhalten. Was, wollten die anderen Mädchen wissen. Über bunte Knete, sagte das Mädchen, die sind so was von platt, das glaubt kein Mensch.

Fritz lachte schallend. Nun erzähl mir nicht, eines Tages ist dieses Mädchen zu Rudi gezogen.

Isabelle grinste dünn, sie zog eine neue Zigarette aus der Schachtel, wir hatten es ihr vorgeschlagen.

Und?

Weder sie, noch Rudi wollten das, es wäre…gegen die Konventionen, ergänzte Fritz.

Sie unterhielten sich gut. Und jetzt machten sie eine Pause. Zu jedem guten Gespräch gehören diese Pausen, in denen man noch einmal alles überdenkt.

Fritz unterbrach als erster die Pause. Isabelle, du hast auch einmal in diesem Job gearbeitet?

Sie lächelte.

Ja, bis ich vierzig war, ab dann nur noch an der Theke als Barfrau gewissermaßen. Jetzt bin ich fünfundvierzig und – suche einen Mann. Ich habe mein Foto ins Internet gestellt, in eine Heiratsseite.

Ach, entfuhr es Fritz.

Isabelle lachte.

Weißt du, ich suche einen jüngeren Mann, dazu habe ich noch fünf Jahre Zeit. Wenn ich ihn bis dahin nicht gefunden habe, nehme ich einen Älteren.

Fritz grinste, einen Sechzigjährigen, wegen der… Konventionen, nun grinste Isabelle.

Er zögerte etwas, aber entschloss sich dann, auch ehrlich zu sein.

Ich schreibe täglich einer Dreißigjährigen aus Uganda, und sie schreibt mir.

Aus Uganda? Afrika? Isabelle sah ihn nachdenklich an

Wir hatten mal ein afrikanisches Mädchen. Sie erzählte mir, dass man dort gar nicht diese Konventionen und diese romantische Liebe a la Hollywood kennt. Alte Männer sind Gold, sagen dort die jungen Mädchen. Weil die Jungen nicht die Verantwortung für die Familie aufbringen wollen und regelmäßig verschwinden, wenn sie ein Kind gezeugt haben. Eine afrikanische Frau fühlt sich aber nur als Frau, wenn sie Kinder hat.

Aber auch in diesen Kulturen gibt es die romantische Liebe, entgegnete Fritz.

Als eine Überraschung, als ein zusätzliches Geschenk?

Ja.

Die Menschen sind toleranter, was Männer und Frauen angeht.

Das weiß ich nicht, meinte Isabelle und erhob sich, zwei junge Türken waren erschienen.

Auf Wiedersehen, sagte Fritz und lächelte, danke für das Gespräch.

Ich danke dir auch, sagte Isabelle, und wünsche dir viel Glück, vielleicht in einer fremden Kultur.

Aber, sie beugte sich etwas vor, so, wie du aussiehst, findest du auch hier eine gute Frau.

Fritz lachte, eine Alte.

Eine, die sich nicht stört an einer alten Hand mit Flecken, Falten und behaart.

Wenig später bezahlte Fritz am Tresen, Die jungen Männer taxierten grinsend die Mädchen wie Fleischer.

Langsam schlenderte er heimwärts, der Niesel hatte aufgehört, aber die Sonne schien trotzdem nicht. Es war ja erst Mitte Februar.

In Gedanken sprach er mit Olga. Sie war ihm nicht böse.

Leicht lädiert nach Putzen

Sturz vom Fensterbrett, Stuhl zerdepperte Freßnapf der Katze, Fenster sauber…

für einen alten Mann kann das Leben noch zum Abenteuer werden. Zum Glück ist die Katze keine Frau, die hätte mich ausgemeckert. Nein, die Katze lag neben mir und hat geschmust, während ich darüber nachdachte, ob meine Hüfte noch in Ordnung ist, beim Atmen schmerzt die Schulter, sonst ist alles okay, und die Sonne lacht durch ein geputztes Fenster 🙂

Sollten Sie in meinem Alter sein, seien Sie nicht so bequem und holen sich eine Leiter, anstatt mit Stuhl akrobatische Kunststücke zu üben, schönen Sonntag noch…