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Bücher

IMGP0021

Taschenbücher von Harald Timm, veröffentlicht bei amazon self publishing, nicht Mitglied irgendeines „Literaturbetriebs“, Hobbyautor und Rentner mit Katze.

Bürger eines verschwundenen Landes im Exil,  ohne Heimat, jedoch gut versorgt mit allem, was es braucht zum Leben.

Franz Summer, ein Pseudonym nur für dieses Blog, sucht keine Anhänger und ist nie selbst Anhänger von wem oder was auch immer.

Afrika 24

Wir brachten zwei Reisetaschen in die Zelte, eine für Jane und mich, eins für die Kinder. In den Zelten herrschte eine Finsternis, dass man die Hand nicht vor den Augen sah. Sie standen mitten in den Büschen, überdacht von Wellblech. Jane tastete umher und fand auf einer Holzkiste eine Flasche mit einer Kerze. Ich zündete die Kerze an und siehe, zwei feste stabile Holzbetten, natürlich nur mit Decken, aber diese mit schneeweißem Bettzeug überzogen.

„Nicht schlecht“, sagte ich.

„Siehst du, hier steht sogar eine Blechbüchse, wenn du rauchen willst.“

„Wie im Hotel“, meinte ich und lachte.

Jane ging zu den Kindern und ich zu dem großen überdachten Gemeinschaftsplatz, einen Riesenpilz. In der Mitte klaffte ein Loch im Dach, denn darunter befand sich auf der Erde eine Feuerstelle. Glühende Kohlen erzeugten keine großen Flammen, aber ein stetes kleines Feuer. Darüber hing an einem Eisengestell ein Topf. Ich streckte die Beine weit von mir und lehnte mit dem Rücken an einem dicken Holzpfeiler. Jane kam mit den Kindern und gab mir eine kleine Büchse eiskaltes Guinness.

Kann das Leben schöner sein, dachte ich, und zischte das Bier und rauchte und schaute in das Feuer. Charles lehnte sich an mich. Er schaute traurig, so sah ich ihn bisher sehr selten.

„What is?“ fragte ich.

„Not good here.”

George tanzte mit dem kleinen Kennedy um das Feuer.

„Was hat denn Charles?“, fragte ich Jane.

„Ihm gefällt es hier nicht“, erzählte Jane, „er erwartete mehr Luxus, ein schickes Hotel.“

Sie spielte die empörte Mutter. Und ich spielte den verständnisvollen Vater, legte den Arm um den Jungen.

„I find, it is beautiful here.“

Charles legte den Kopf an meine Schulter und lächelte dünn, während ihm Jane finstere Blicke zuwarf. Wir waren wie eine kleine perfekte Familie.

„Ist in dem Topf unser Essen?“ fragte ich.

„Nein, es wird frisch gekocht in der Küche.“

„Küche?“

Jane wies lächelnd auf den Bauwagen mit Vorbau. Aha, dachte ich.

„Willst du duschen?“, fragte Jane.

„Was, duschen?“

Hier schien der Service komplett.

Jane verschwand und kehrte kurz danach mit Handtuch, Duschbad und Badelatschen zurück.

„Komm.“

Ich folgte ihr zu den drei windschiefen Hütten. Jane öffnete eine nach der anderen. Ihre Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt, und das schwache Licht der brennenden Kohlen reichte aus. Die ersten beiden Hütten hatten nackten, allerdings und zum Glück sehr sauberen Betonboden, und ein Loch in der Mitte.

„Die Klos“, sagte Jane und kicherte.

Aber die dritte Hütte war mit Leitung und Duschkopf ausgerüstet. Natürlich besaßen alle drei kein elektrisches Licht. Ich drehte vorsichtig einen der beiden Hähne auf, und es kam – warmes Wasser.

„Das ist ein Ding“, bemerkte ich verblüfft, „sie besitzen hier doch keinen elektrischen Strom.“

Dann verfolgte ich die Leitungen und sah, ganz oben einen großen runden schwarzen Behälter. Na klar, wenn am ganzen Tag die Sonne scheint, wird das Wasser warm.

„Jane“, sagte ich, „Afrika ist technisch weiter als Deutschland, auf einem Zeltplatz finden wir moderne Solartechnik.“

„Siehst du“, antwortete Jane und lachte, „du unterschätzt Afrika.“

Frisch geduscht fühlte ich mich außerordentlich wohl. Da hörten wir ein Auto.

„Kommt John?“, fragte ich.

„Nein“, sagte Jane, sie hatte ein sehr gutes Gehör, „das ist ein anderes Auto.“

Es dauerte nicht lange, da erschien ein kleiner afrikanischer Mann mit zwei leuchtenden Petroleumlampen, und ging mit diesen in den Vorraum des Bauwagens. Nun schien ein wenig Licht auf den Parkplatz, und wir erkannten einen sehr schönen Landrover. Wir hörten Stimmer, natürlich verstand ich kein Wort. Danach erschienen ein Mann und eine Frau und zwei Jungen in Charles Alter. Sie sagten alle freundlich und leise:

„Hello.“

Und Jane und George und ich antworteten ebenfalls leise: „Hello.“

Diese laue warme Nacht verlangte einfach danach, leise zu sprechen. Und mehr sagte diese Familie nicht, sie waren Weiße, aber bestimmt keine Deutschen, sie hätten mehr erzählt, dachte ich.

Die Frau ging mit einer großen Kelle zum Topf, hob den Deckel und rührte und kostete. Sie schien zufrieden und nahm den Topf, und alle vier gingen zum erleuchteten Vorraum aus Wellblech.

„Good Night“, sagten sie noch und sie verschwanden lautlos, als würden sie auf Zehenspitzen laufen.

„Das sind Amerikaner“, flüsterte Jane zu mir, „und sie sprechen perfekt Suaheli.“

Wie alle Frauen dieser Welt hatte sie blitzschnell alles erfasst.

„Sie machen jedes Jahr hier ihren Urlaub.“

Keine üblichen Touristen, dachte ich, sicher besitzen sie eine perfekte Foto- oder sogar Filmausrüstung.

„Sag mal“, meinte ich, „der kleine Mann ist doch kein Masai, oder?“

Jane lachte.

„Doch, du denkst wohl alle Masai sind Riesen, du bist, wie ein Kind.“

Na ja, dachte ich, man hat so seine Vorurteile. Der kleine Masai war der Koch, und nach den Amerikanern, so erfuhr ich, werden wir unser Essen bekommen.

„Noch ein wenig musst du warten“, sagte Jane.

„Ich esse heute Abend sowieso nichts, ich besaufe mich mit Bier.“

Jane strich mir kichernd über den Kopf, natürlich kannte sie mich so gut, sie wusste, warum ich nichts essen wollte. Dann saßen wir endlich am langen Holztisch vor dem Bauwagen. Ich rutschte ganz in die Ecke auf der langen Holzbank, so dass ich von dem matten Licht der Petroleumlampen nicht erfasst wurde. Ich nahm die Rolle ein, die ich am liebsten hatte, die Rolle des stillen Beobachters, der sich ein klein wenig betrinkt.

Der kleine Koch erschien, nach Janes Aussage ein Masai, wobei ich wusste, Jane machte sich oft einen Spaß mit mir, und überall in Kenia lebten verschiedene Stämme. Ich glaubte es ihr nicht so ganz. Der kleine Koch war sicher schon in meinem Alter, besaß aber noch prachtvolle Locken, und auch sein Gesichtsausdruck verriet, wie er als kleiner Junge aussah. Daran, hörte ich mal, erkennt man einen guten Menschen, wenn man im Alter noch das Kindergesicht entdeckt, während es Zwanzigjährige gibt, wo es nicht mehr möglich ist. Jedenfalls brachte der Koch zwei riesige Töpfe und Teller für alle.

„Ich esse nichts“, sagte ich, „George give me please a Guinness.“

Jane lachte.

„Dann trinkst du noch eins, und dann isst du doch.”

„Nein“, beteuerte ich, „ich geh morgen nicht auf das Lochklo.“

Und ich trank einen tiefen Schluck. Das Essen roch verführerisch. Wie fast immer bei den Kikuyu, und Jane hatte ja eingekauft, gab es Gries, Grünkohl und Fleisch. Aber in dem Grünkohl waren dieses mal sehr viele Tomaten, Gurken, Kochbananen vermengt, dazu, wer weiß, wie viel Gewürze, von denen ich noch nie gehört hatte. Es roch verdammt gut. Der Koch fragte mich etwas, was Jane übersetzte:

„Möchtest du Gabel oder Löffel.“

„Nein“, antwortete ich und trank noch einen Schluck gegen den Hunger, „erstens esse ich nichts, und zweitens, auch mit den Fingern, wie ihr.“

Jane lachte wie in Deutschland, so ausgelassen. Wir besaßen denselben Humor.

„Komm her“, sagte sie zu mir, wie zu einem kleinen Jungen,

„ich gebe dir mal zum Kosten.“

Gehorsam rutsche ich zu ihr ran und kostete.

„Noch einen Happen?“

Der Koch war ein Genie. So gut hatte es auch Jane noch nie hinbekommen.

„Nein“, antwortete ich finster und: „George give me please a Guinesss.“

George verwaltete nämlich die Kühltasche. George machte immer alles, was ich sagte. Er hatte eine große Verehrung für seine Mutter, und er akzeptierte den Mann der Mutter mit dem Respekt eines afrikanischen Kindes. Dieser Respekt bleibt bestehen, auch wenn das Kind eines Tages sechzig Jahre alt ist, und die Mutter oder ihr Mann achtzig. Obwohl seine Miene sich, wie fast immer total verschlossen zeigte, kannte ich ihn schon so gut, dass ich aus dieser verschlossenen Miene, die Gedanken lesen konnte. Und George dachte, wie viel Bier trinkt denn der weiße Mann von Mama, aber sagte kein einziges Wort. Ich kicherte vor mich hin. So wünschte ich mir meine deutsche Tochter und meinen Schwiegersohn, aber so waren sie nicht.

Geräuschlos aus der Dunkelheit tauchte John auf, offenbar ohne Auto gekommen. Er setzte sich an den Tisch und erhielt ohne viele Worte sein Essen.

„George“, sagte ich, „give John also a beer.“

Und George griff in seine Wundertruhe, die Kühltasche, und John bekam sein Bier. Inzwischen hatte sich John schon an mich gewöhnt, wir waren Freunde. Heute Abend hatte ich mal das Sagen, selbst Jane beugte sich.

„Maishe marefu.“

„Maishe marefu“, antwortete John und hob die Büchse, seine Augen funkelten vor Freude. Ich lief auf zur Hochform in meinem Suaheli-Wortschatz.

„Hamu chakula.“ „Guten Appetit.“

„Asante.“ „ Danke.“

Und jetzt kam der Abschluss, den ich so liebte, nachdem ihn Jane mir einmal erklärt hatte.

Ich, als Gastgeber, sagte zum Schluss:

„Karibu.“ „Willkommen.“

Janes Erklärungen beliefen darauf, dass dieses kurze Gespräch, das perfekte höfliche Ritual auf Suaheli wäre, nur leider, in Nairobi benutzte das keiner. Die Menschen unten am Indischen Ozean, erzählte mir Jane, sprachen so, und sie sprachen das Suaheli auch viel korrekter. Im Deutschen gibt es dieses Ritual nicht, und ich wusste es nicht, aber Jane behauptete, auch im Englischen, sagt man zum Schluss, wenn ein Gast zum Essen eingeladen ist:

„Welcome.“

Viele Suaheli-Wendungen, ja ganze Sätze sind aus dem Englischen übernommen. Ich trank noch einen Schluck Bier und sah den anderen beim Essen zu. Es schmeckte ihnen augenscheinlich, und der Duft stieg sehr verführerisch in die Nase.

Wortlos griff ich mir einen sauberen Teller und schob ihn zu Jane herüber. Jane schaute überrascht hoch und fing an zu lachen. Ich blieb ganz ernst.

„Sag jetzt kein Wort.“

Es schüttelte Jane lautlos. Sie nahm die Kelle und knallte mir einen Berg Gries auf den Teller. Ich blieb ernst und schaute sie starr an. Dann schüttete sie aus dem anderen Topf mit der Kelle einen Berg Grünkohl gemischt mit Fleisch und den Zutaten über den Gries.

Ich hielt meinen Arm gestreckt. Jane fragte kichernd:

„Noch mehr?“

Ich antwortete nicht. Was gab es da zu fragen? Und Jane schüttete eine Kelle hinterher. Schließlich zog ich den Teller an mich, und begann, mit den Fingern das Zeug heißhungrig herein zu stopfen. Es schmeckte göttlich. Einmal stutze ich beim gierigen Essen, offenbar war Sand dazwischen. Na, wer wusste schon, wo der kleine Koch das zubereitete, aber Sand ist auch gesund. Jane aß langsamer, sie musste soviel lachen. Wenn ich richtig verstand, murmelte sie vor sich hin:

„Lochklo.“

Aber, ich überhörte das. Wir waren schließlich alle genudelt satt, und der kleine Koch kam, die Töpfe und Teller wegzuräumen. Und es befand sich noch so viel Essen in den Töpfen. Jane sprach mit dem Koch, und der Koch sah mich fragend an.

„Was ist los?“, fragte ich.

Jane erklärte mir, dass sie dem Koch angeboten hätte, selbst eine Portion zu essen, aber da ich der Chef wäre, Jane grinste bei dieser Erklärung, schaute mich der Koch nun fragend an. Ich richtete mich hoch, ich war ein begeisterter Chef, und ich konnte dieselbe Prozedur, wie mit John wiederholen. Der Koch blieb ernst und machte mit, nur Jane und die Kinder, und inzwischen auch John, lachten unterdrückt über den Spaßvogel, über mich. Sie wussten ja alle, viel mehr Suaheli beherrschte ich nicht. Und ich sorgte dafür, dass der Koch auch ein Bier bekam, als Chef musste man sich großzügig zeigen. Der Koch bedankte sich, aber er trank das Bier nicht, sondern nahm die volle Büchse mit. Vielleicht, wenn er später nach Hause ging, bekam sein alter Vater die Büchse Bier. Das konnte schon sein.

Dann saßen wir noch eine ganze Weile, der Koch verschwand, auch John. Es war so friedlich, wir schwiegen. Ich nahm den Fotoapparat und knipste Charles, der nah an der Petroleumlampe saß und mit großen Augen in das Licht schaute. Der Junge träumte so schön traurig.

Mitten in der Nacht wachte ich auf. Und ich verspürte Durst, Durst, einen knochentrockenen Hals, dass ich gar nicht schlucken konnte. Und natürlich – ich musste mal. Ich hielt es nicht aus. Mein Gott, dachte ich, ich bin doch alt genug, den Verstand nicht draußen zu lassen beim Trinken. Ich tastete umher, fiel aus dem Bett, irgendwo hatte ich mir meinen Kopf gestoßen.

„Psst“, sagte ich vorsichtig, hier musste ja noch Jane im Zelt schlafen. Irgendwo stand doch eine Kerze. Ich tastete und stieß gegen die Kiste. Laut fiel etwas um. Das war die Flasche, dachte ich. Ich wartete einen kleinen Moment, alles still. Dann begann ich wieder zu tasten, ganz leise.

Auf einmal zischte ein Streichholz auf. Jane saß im Bett und sah mich mit verquollenen Augen finster an. Sie sagte kein Ton, holte die Kerze samt Flasche hinter der Kiste vor, alles im guten Timing, sie schaffte es noch, die Kerze anzuzünden. Anschließend legte sie sich wieder lang und drehte mir den Rücken zu. Ich saß erst einmal und schaute mir die scheinbar schlafende Jane an. Wo krieg‘ ich hier was zu trinken her, dachte ich. Plötzlich robbte Jane nach oben, fasste über ihr Bett, holte eine große Flasche Trinkwasser hervor, stellte diese auf die Kiste neben der brennenden Kerze und ging in ihre Ausgangsstellung zurück. Ich nahm die Flasche, öffnete sie und trank und trank sie zur Hälfte leer. Ich bemühte sich nicht so laut zu rülpsen. Dann zündete ich mir eine Zigarette an und schaute wieder auf Jane. Leise sagte ich:

„Ist das Voodoo-Zauber, oder was?“

Schließlich konnte ich beobachten, dass ihre Schultern zuckten. Aha, dachte ich, sie lachte. Jetzt ging es mir besser. Ich drückte die Zigarette aus und ging an den Zelteingang. Sind hier tausend Schnüre? Dann knüpfte ich so lange, bis ich endlich ein Loch, groß genug, geöffnet hatte und trat ins Freie. Zwei Schritte hinaus, hinunter von der Plattform und hervor aus den Schatten der Büsche, stand ich auf einer Wiese, und hier war es hell. Ich schaute nach oben. Nein, dachte ich, noch nie sah ich so einen Sternenhimmel. Ich ging auf die gegenüberliegenden Büsche zu und urinierte.

„Bist du verrückt?“ Hinter mir zischte Janes Stimme. Ich drehte mich um, während ich gar nicht aufhören konnte.

„Warum?“

Jane schien schier verzweifelt.

„In dem Gebüsch kann ein Löwe sein.“

Ich schaute nachdenklich auf das Gebüsch und irgendwie ging meine Tätigkeit schneller vonstatten, als normalerweise. Dann lief ich zurück, bis inmitten der Wiese und setzte mich einfach und schaute nach oben. Diese Sterne, ich saß ja, wie mittendrin, so nah waren sie. Plötzlich stand Jane neben mir. Sie hielt die Holzkiste in beiden Händen und meine Turnschuhe. Sie seufzte. Dann stellte sie die Kiste ab und sagte:

„Bitte ziehe dir deine Turnschuhe an.“

„Ist doch warm“, antwortete ich.

Sie kniete sich hin und zog mir, wie einen kleinen Jungen die Schuhe an. Ich kicherte.

„Du hast einen Mutterkomplex.“

Jane setzte sich neben mich und zerwühlte verzweifelt ihre Haare.

„Ich verstehe zwar deutsch, aber nicht alle Worte, was ist Mutterkomplex?“

„Du behandelst mich wie ein Baby, und ich denke, ich bin dein Mann.“

Jane stützte die Ellbogen auf die Knie, wir saßen einträchtig. Dann sah sie mir ernst in die Augen:

„Du bist mein Mann, aber manchmal mein Baby, hast du schon mal was von Giftschlangen gehört.“

Ich sah sie erstaunt an.

„Gibt’s hier welche?“

Jane schaute in die Runde, ob sie irgendwo Hilfe bekäme, aber wir saßen beide allein auf der Wiese, auf einer Holzkiste mitten im afrikanischen Busch.

„Wie alt bist du?“, fragte Jane.

„Das weißt du doch“, antwortete ich, „einundfünfzig.“

Jane schaute weiterhin ernst.

„Wie hast du es geschafft, so alt zu werden?“

Ich kicherte.

„Janie, was stellst du für seltsame Fragen?“

Sie schüttelte den Kopf und stand auf, dann sagte sie:

„Es müssen ungefähr tausend Engel damit beschäftigt sein, auf dich aufzupassen.“

Hm, dachte ich, irgendetwas stimmt nicht mit Jane. Gesenkten Kopfes ging sie zurück ins Zelt. Und ich schaute meine Sterne.

Nach einer Weile kam Jane wieder mit der Wasserflasche und Zigaretten und Streichhölzer.

„Nun guck deine Sterne“, sagte sie mit müder Stimme, „aber ich bitte dich, wenn du Wasser trinkst, mach‘ den Verschluss anschließend wieder rauf.“

„Warum?“, fragte ich. Sie sah mich nur unendlich müde und erschöpft an und winkte mit der Hand ab.

„Willst du nicht mit mir Sterne gucken, sie sind so schön.“

Fast knurrte Jane.

„Diese Sterne kenne ich, seit ich Kind war.“

Mich verließ jedes Zeitgefühl. Aber immer deutlicher wurden Geräusche ringsumher: Schnarren, Fauchen, dann das Tackern eines Vogels vielleicht, Schmatzen, ein Quietschen, wie ein Hilferuf, wurde gerade eine Antilope erlegt? Die Sterne und die Geräusche. Ich saß und rauchte, und ich schaute, und ich hörte eine afrikanische Nacht.

Als ich später ins Zelt kam, lag Jane mit verschränkten Armen und guckte zur Zeltdecke.

„Du schläfst gar nicht?“

„Nein, ich denke“, antwortete sie.

„Was denkst du?“

„Was du für ein verfluchter Kerl bist, ich verstehe dich nicht, glaube ich.“

„Ach Janie, musst nicht soviel denken, bin ich deutsch oder bist du deutsch.“

Die Holzkiste hatte ich wieder hingestellt, und die Kerze obendrauf.

Da entdeckte ich neben ihrem Bett eine Plastiktüte mit einem Waschlappen. Ich griff danach und stellte fest, der Lappen war feucht. Ich zog mir meine Hose herunter und putze. Jane schaute ziemlich verdutzt, aber auch ein wenig interessiert zu.

„Würdest du mit bitte verraten, was du jetzt vorhast?“

Ich lächelte.

„Ja, weißt du, ich hab‘ den ganzen Kopf voll Sterne, gewissermaßen ein himmlisches Gefühl.“

Damit zog ich mir die Hose aus, sauber genug war ich. Jane schlug die Bettdecke hoch, damit ich zu ihr besser hineinkam. Es muss ein Moment in ihr gewesen sein, da war der Voodoo-Zauber auf meine Seite.

Am Morgen erwachte ich allein in meinem Bett. Ich schaute über den Gang zu Jane. Kennedy lag bei ihr. Jane streichelte ihn und sprach beruhigend auf ihn ein, auf Kikuyu natürlich. Ich, selbst noch Traum verloren, guckte mir das an. Kennedy machte große Augen und einen etwas weinerliches Mund, eine Schnute zog er, sagt man in Berlin. Ich sprach:

„Mir hat einst eine Kikuyufrau erzählt, afrikanische Kinder gehen nie in das Schlafzimmer der Eltern, das wäre nicht denkbar, Respekt, heißt das in Afrika.“

Jane lächelte.

„Aber er hat so geweint.“ „Ja, ja“, antwortete ich, „Regeln sind dazu da, um sie zu verletzen.“

Ich grinste.

„Willst du ein Ei essen zum Frühstück?“, fragte mich Jane.

„Ja“, sagte ich.

„Dann muss ich Bescheid sagen.“

Sie stand auf und ging sofort los. Kennedy blickte weiter mit großen Augen nach oben.

„Hallo“, sprach ich.

Kennedy drehte den Kopf und blickte mich ernst an. Dann schaute er wieder gegen das Zeltdach, als wolle er in Ruhe über etwas nachdenken. Ich wartete eine Weile. Dann sagte ich:

„Huhu.“

Alles wiederholte sich, aber ich sah, Kennedy musste sich anstrengen, ernst zu bleiben. Ich wartete wieder eine Weile.

„Kuckuck.“

Jetzt brach der Wall, den Kennedy noch mühsam halten wollte, er kicherte, aber versuchte gleichzeitig weiterhin traurig zur Decke zu blicken. Ich rückte ein wenig nach hinten und klopfte mit der Hand auf die freie Stelle meines Bettes.

„Willst du zu mir kommen?“

Kennedy sprach perfekt nach:

„Willst du zu mir kommen?“

Ich lachte, denn der Junge wusste nicht, was er sagte. Ich sprach:

„Du meinst, ich soll zu dir kommen?“

Kennedy wiederholte.

“Du meinst, ich soll zu dir kommen?“

Ich konnte nicht mehr vor Lachen. Kennedy blieb ernst, als wundere er sich über die Heiterkeit dieses mzungus. Ich ging einfach hinüber ins Bett und nahm den Jungen in den Arm. Ich hob ihn mir auf den Bauch und schaute ihm tief in die Augen.

„Du bist verrückt“, sagte ich.

Kennedy berührte mit seinem Zeigefinger meine Unterlippe und sagte:

„Du bist verrrrickt.“

Das war schon ein drolliger Teddybär, dieser Kennedy. Ich sah ihn ernst an.

„Gib mir einen Kuss“, sagte ich.

Und nun geschah ein Wunder des Herrn. Der Kleine kroch das notwendige Stückchen hoch und küsste mich. Ob er mich doch verstanden hatte? Jane kam ins Zelt.

„Dann musst du sechs Eier essen oder keins.“

Ich runzelte die Stirn.

„Sechs?“

Jane stöhnte.

„Mensch, er macht nur Eier, wenn er sechs verkauft, ein einzelnes geht nicht.“

Ich legte den freien Arm unter den Kopf sah Jane an. Dann sagte ich ganz behutsam:

„Jane, wir machen doch alle Urlaub, bestelle sechs Eier, und wir essen jeder ein Ei.“

Jane blickte mich wortlos an, als suche sie nach einem Argument, dann bemerkte sie wohl, sie fand keins verschwand schweigend.

„Deine Mama ist auch verrrickt“, sagte ich zu Kennedy.

„Deine Mama ist auch verrrickt“, wiederholte Kennedy brav.

Natürlich mundete allen, einschließlich John, das Frühstück mit Ei. Der kleine Koch bereitete auch einen guten Kaffee. Ich lehnte mich an und rauchte eine Zigarette. Dann stand ich schwer seufzend auf. Jane warf mir einen Blick zu, aber sagte zum Glück nichts. Ich ging zum Zelt zurück, doch dieses war bereits leer geräumt. Ich lief zu Jane und den Kindern, die vor dem Auto standen.

„Hast du schon alles eingeräumt?“

„Ja, wir wollen los“, sagte Jane.

Ich sah sie nur mit einem langen Blick an.

Die vergessene Straße (bearbeitet)

 

Die Straße kam ihm vertraut vor wie eine Erinnerung, als wäre sein Gehirn ein Bergwerk, und er hatte einen verschüttet geglaubten Stollen entdeckt. Er ging langsam und genoss die klare kalte Luft in tiefen Zügen.

Er ging planlos und seine Füße hatten ihn von allein hierher getragen wie man ein Buch wahllos aus einem Bücherregal zieht und beginnt darin zu lesen. Wort für Wort wird einem klar, dass man selbst einst eine Figur in diesem Roman war. Die Welt ist eine riesige Bibliothek und jeder von uns ist eine Figur in einem Buch. Aber es sind Bücher ohne Happy End, manchmal verschwinden Figuren lautlos wie Gespenster und tauchen wie dieselben Gespenster zwischen zwei anderen Buchdeckeln wieder auf. Nur tragen die Gespenster immer wieder andere Masken. Im Innern bleibt man immer derselbe und ein Schauspieler in dieser Welt.

Die Straße lag abseits von der großen Magistrale und hatte sich äußerlich total verändert. Aber genau genommen nur so, als wenn ein Mensch sich eine neue Frisur zugelegt hat. Dort scheint ein kleines Architekturbüro zu sein, war es nicht einst eine Kneipe? Der Tabakladen war einmal ein Fotoatelier, in das Menschen hinein gingen und nie wieder heraus kamen. Man konnte sie später als Fotografien im Schaufenster in seltsamen Verkleidungen betrachten…

Die klugen Leute wissen nichts über die Wahrheiten des Lebens, sie schwatzen als Hirnforscher oder Philosophen vom Ich, dass zwischen Stammhirn, Zwischenhi rn und Großhirn sich versteckt hat wie ein kleines Mädchen, das Blindekuh spielt. Ich denke, also bin ich, das ist doch nur ein Kratzen an der Oberfläche.

Seine Füße waren auch sein Ich, und sie hatten von allein ihren Weg hierher gefunden. Alles kam ihm vertraut vor und war doch gleichzeitig so fremd. Er war sich selbst nicht geheuer, als würde man ihn in eine verzauberte Welt geführt haben.

Gegenüber war ein Haus eingerüstet, sein Putz hatte eine seltsame Farbe, zwischen Pink und Braun. Er blieb stehen, und es durchfuhr ihn ein tiefer Schreck.

In diesem Haus hatte er einmal gewohnt und gelebt. Er hatte eine Frau und ein Kind gehabt. Gelacht, gestritten, gegessen und getrunken, geschlafen. Er hatte dort gefühlt, gedacht, geliebt und gehasst. Die Räume waren bis in die letzte Kleinigkeit ihm vertraut gewesen. Ganz oben sah er den Balkon. Das kleine Geländer war noch sichtbar, dass er einst montiert hatte, dass die Frau, die mit ihm lebte, die Ranken von Blumen anbinden konnte. Abends im Sommer hatte er da gesessen, ein Bier zum Feierabend getrunken, und auf diese Straße geschaut, auf das Fotoatelier, das jetzt ein Tabakladen war.

Ja, es gab keinen Zweifel. Sie werden die hässliche Putzfarbe zwischen Pink und Braun entfernen, die letzte Spur seiner Erinnerung wird weichen, und vielleicht wird er beim nächsten Mal ein gelbes Haus nicht mehr wieder erkennen.

Er blieb stehen, und der Schreck wich einem großen Staunen. Er wusste gar nicht mehr, warum er einst aus diesem Leben schritt in ein neues. Es gab wohl einen großen Streit.

Dabei gab es so viele Menschen, die nur ein Leben hatten, vom Anfang bis zum Ende immer dieselbe Straße. Er gehörte wohl nicht zu ihnen. In wie viele Straßen hatte er gelebt…

Das Gerüst war durch riesige Planen verdeckt, unten an der Haustür war eine Lücke offen.

Eine alte Frau schritt heraus, grau und gebeugt im dunklen Mantel. Ihr gleichgültiger Blick streifte ihn, dann wandte sie sich nach links und lief in schnellen kurzen Schritten in Richtung der großen Straße.

Sofort war ihm klar geworden, dass diese Frau einmal seine Frau war, jung und strahlend. Er hatte Jahre mit ihr gelebt… sie hatte ihn nicht erkannt.

Etwas hilflos hob er den Arm der Forteilenden nach wie einen Gruß, zu spät.

Die Intimität zu anderen hält uns gefangen wie eine zweite Haut. Der lange Abstand hatte genügt sich zu häuten und neu zu sein, natürlich auch fremd inzwischen. Man kann nicht gleichzeitig in unterschiedlichen Welten zu Hause sein.

Vielleicht wird sie in der nächsten Nacht von dem alten Mann träumen, der auf der anderen Seite der Straße stand und auf ihr Haus starrte. Vielleicht wird sie sich im Schlaf an ihn erinnern.

Langsam und in Gedanken als tauche er durch die Tiefen eines Ozeans ging er weiter. Schritt für Schritt.

An der Ecke befand sich ein Café.

Er trat ein, Nischen luden freundlich zum Sitzen ein, die Farben waren frisch in Beige, Braun und Orange…

Er setzte sich und eine junge Kellnerin erschien. Er bestellt einen Kaffee und einen Weinbrand.

„Kommt sofort“, sagte sie und überließ ihn seiner Versunkenheit.

Als sie servierte, fragte er, „war hier nicht einst eine Sparkasse?“

Sie lächelte.

„Ich weiß nicht“, antwortete sie, „ich bin erst ein Jahr hier, aber ich glaube, vorher war hier eine physiotherapeutische Praxis…“

Er lächelte auch.

Als die Kellnerin gegangen war, bemerkte er am Nachbartisch eine Frau, die lachte laut. Er sah sie erstaunt an… Sie war offenbar ein Wesen aus dem Diesseits und nicht jemand aus dem Land der Träume.

„Sind Sie auf Spurensuche?“ fragte sie und ihre Augen funkelten lustig.

„Kennen Sie sich hierdrin aus?“ fragte er zurück.

Sie lud ihn mit einer Handbewegung, sich zu ihr zu setzen.

Er nahm seinen Kaffee und seinen Weinbrand und ging hinüber.

„Vielleicht“, sagte er, „vielleicht will ich mir selbst auf die Schliche kommen“, und er hatte das Gefühl, er betrat ein neues Buch… Doch die Frau gefiel ihm wie die Stimme der Vernunft in einem Wald, in dem man sich leicht verlaufen kann.

„Sie schreiben, aber ich bin nicht Ihre Psychotherapeutin“, sagte sie und legte ihre Hand mit einer gewissen Vertrautheit auf seinen Unterarm.

Er fühlte ihre Berührung nach wie eine Erinnerung aus einem andren Leben.

„Ja, ich möchte schon lange nicht mehr von mir erzählen“, antwortete er, „ich möchte Geschichten erzählen von Menschen, die in anderen Straßen und Häusern lebten, als in denen, wo ich es tat, fühlte ich mich doch immer nur überall als ein Gast ohne ein eigenes Zuhause.“

Er sann seinen eigenen Worten nach und geriet ins Träumen.

Als er erwachte, war die Frau verschwunden.

Aber sie hatte doch gesagt: „Am Ende ist jeder von uns allein.“

Die Kellnerin erschien.

„Noch ein Wunsch?“ fragte sie und lächelte etwas anzüglich.

„Danke“, sagte er, „aber ich möchte zahlen.“

Als er wenig später auf die Straße trat, sah er rechts und links hohe Palmen wie irgendwo in Afrika.

Afrika 23

Oh, Gott, ich verfiel in tiefes Nachdenken. So groß war ja die Wahrscheinlichkeit auch nicht, in der Nacht von Löwen verspeist zu werden. Also, wir werden mit ziemlicher Sicherheit den Morgen erleben. Und mein Körper reagierte nun schon seit Jahrzehnten so: nach dem Frühstück musste ich auf Toilette. Das Problem beschäftigte mich sehr, und ich achtete gar nicht auf die Tiere, die immer noch zahlreich zu sehen waren, wenn auch in der Ferne schon schemenhaft. John fuhr, wie ein Irrer, und es schüttelte uns durch und durch. Wir konnten ja nicht den ganzen Tag stehen.

Ich fasste gerade den heldenhaften Entschluss, nichts zum Abendbrot zu essen, dann kam ich vielleicht um das Lochklo herum. Jane saß jetzt neben mir und streichelte beruhigend meinen Arm, als könnte sie meine Gedanken lesen. Jedoch, dieses heimtückische Weib kicherte auf seltsame Weise lautlos vor sich hin. Ja, manchmal ist das Leben sehr schwer, dachte ich, und niemand versteht einen so richtig.

Lochklos!

Auf einmal klang aus dem Lautsprecher eine Stimme, John nahm sein Mikrofon in die Hand, und er unterhielt sich über Sprechfunk mit jemandem, wahrscheinlich einem seiner Rafikis, einen Fahrer, der auch Touristen durch den Park kutschierte. John hing das Mikrofon wieder ans Armaturenbrett und fuhr einen Bogen und zurück dorthin, woher wir gekommen waren.

„Was ist los?“, fragte ich Jane.

„Sie haben noch Löwen gefunden mit Kindern, da fahren wir jetzt hin.“

Oh, es wurde nun langsam dämmrig, aber das störte John scheinbar nicht. Ganz überraschend setzte Regen ein, deswegen wurde es noch dunkler. Wir waren nach diesem heißen Tag alle begeistert und standen auf, wir steckten unsere Köpfe so weit hinaus, wie wir nur konnten, steckten die Arme in den Regen. Dieser angenehme Regen wirkte, wie eine warme Dusche, und erfrischte uns doch.

„Dort, siehst du“, flüsterte plötzlich Jane. Der Weg, auf dem wir fuhren, wurde auf beiden Seiten mit Sträuchern begrenzt. Uns kam eine Elefantenherde entgegen. Da der Weg schmal war, liefen sie hintereinander, wo gingen sie hin? Wer weiß, irgendeinen Ruheplatz für die Nacht aufsuchen? Die Elefanten trotteten uns in einem gleichmäßigen, etwas schwankenden Gang entgegen, dunkle Schemen, eigentlich fehlte nur ein dumpfer Trommelklang, aber ich konnte ihn mir fast denken. John hielt an. Der Leitbulle musste uns erst jetzt entdeckt haben, er zögerte einen Moment und bog dann ab, einfach durch die Sträucher. John blieb stehen. Sie liefen in vielleicht zwanzig Meter Entfernung an uns vorbei, einer nach dem anderen, der Größe nach geordnet, und jeweils der Nachfolgende hielt mit seinem Rüssel den Schwanz des Vorhergehenden, das kannte ich schon vom Zirkus. Warum machen das Elefanten? Vielleicht lässt es sich beim eintönigern Trott besser Dösen, der Rüssel mit dem Vorhergehenden verbunden, führt einem schon dem Weg.

Der Regen hörte so schnell auf, wie er gekommen war, und es wurde noch mal heller. Die Sonne stand rot am Horizont, – Afrika.

Die dunklen großen Leiber neben uns dampften, sie werden wohl auch den Regen genossen haben, die Damen und Herren Elefanten.

Dann fuhr John weiter. Noch brauchte er kein Licht einschalten.

Wir sahen schon von weitem vier oder fünf Safari Fahrzeuge an einer Buschinsel stehen. Es schien ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, John stellte sich hinten an, und nach und nach rückte er vor. Immer der erste Fahrer gab seinen Touristen genügend Zeit, Fotos zu schießen und fuhr dann weg. Die Zeit drängte, denn die Sonne tauchte langsam unter.

Als wir, als letzte, bei den Löwen anlangten, herrschte schon ein Halbdunkel. Mir war völlig klar, dass das Blitzlicht nicht ausreichte, um später zu Hause das noch einmal zu sehen, doch George fotografierte, wie besessen. Charles saß hinten auf dem Dach, nicht von dem Verdeck mit Gestänge geschützt. Ich sah nur noch die Löwen. Drei große Löwinnen, träge hingestreckt, sie hatten ein anderes Kaliber, als vorhin die einzelne kleine Löwin, sicher doppelt so groß. Und dann – es war nicht zu fassen, die jungen Löwen, nicht viel größer als Hauskatzen. Sie spielten, sie balgten, krochen aufeinander auf ihrer jeweiligen Mutter herum, die natürlich die Kleinen mit stoischer Gelassenheit gewähren ließ. Waren es zehn, waren es zwanzig Junge, ich weiß es nicht mehr. Die Faszination ergriff mich, und ich vergaß das Zählen.

So ein Bild prägt sich für immer ein. Das übermütige Herumtollen der Kleinen, auf der ruhenden Kraft und Gefährlichkeit möchte ich im Kopf behalten, und wenn es mir vergönnt sein sollte, alt zu werden, möchte ich in Muße davon träumen, wie der alte Fischer bei Hemingway es tat, Afrika. Ich war einmal in Afrika.

Wir befanden sich nur ein paar Schritte entfernt. Selbst John verlor seinen bisherigen Gesichtsausdruck, der besagte, ich habe schon alles gesehen. Auch er lächelte glücklich. Es wurde nun zusehends dunkel, aber wir konnten einfach nicht losfahren. Plötzlich erhob sich eine Löwin und ging ganz langsam, federnden Schrittes neben unser Auto. Und sie schaute interessiert und abschätzend auf Charles, der ungeschützt unter dem hinteren Dachabschnitt saß, erhöht auf der Bordkante des Autos. Ihr Blick war zwar ruhig, aber mich beschlich das Gefühl, sie überlegte. Auch Jane sah diesen Blick, und ohne dass wir uns weiter verständigten, fassten Jane und ich je einen Arm von Charles, und wir zogen ihn blitzschnell ins Auto unter das schützende Dach. Erst dann schaute mich Jane an, und sie flüsterte:

„Hast du das auch gesehen?“

„Ja“, flüsterte ich zurück, „sie wollte springen.“

Der Schreck saß uns noch im wahren Sinne des Wortes in den Gliedern. Auch John schien den Moment der Gefahr erkannt zu haben, er startete sofort das Auto, schaltete die Scheinwerfer ein und fuhr los. Nur George hatte, anscheinend mit dem Fotografieren beschäftigt, von all dem nichts mitbekommen, und Kennedy befand sich in dem glückseligen Alter, so etwas überhaupt nicht zu bemerken. Janes und mein Handeln geschah unbewusst und gleichzeitig, als wären wir beide von einem tief liegenden Instinkt ergriffen worden. Ein Dia besitze ich noch, dass ich von den vielen Bildern nicht weggeworfen habe. Man ahnt zwar mehr, als man erkennt, aber George musste genau in diesem Moment der Löwin in die Augen geblitzt haben. Und so sieht man, wie zwei teuflisch funkelnde Edelsteine, die Augen in der Finsternis. Das Tier selbst wirkt wie ein Gespenst, ein Schemen.

Vielleicht war es sogar dieses Blitzen, welches die Löwin vom Sprung abhielt? Vielleicht, unser ganzes Leben hängt von Zufällen ab. Jedenfalls lachte Charles fröhlich auf seiner Sitzbank, und er verstand Janes und meine Aufregung ganz und gar nicht.

Ein seltsames Gefühl, im Dunkeln durch das Land der Tiere zu fahren, aber ungefährlich, die grellen Scheinwerfer und das Motorengeräusch ließen sie schon den nötigen Abstand halten.

Ich hatte mich lange Zeit, bevor ich nach Afrika flog, mit einer sehr kulturvollen Dame, die Gedichte bastelte, ab und an, wie geschickt formierte Schachpartien, unterhalten. Und ich erzählte ihr, dass ich einst einen Fernsehfilm sah, in dem gezeigt wurde, wie zwei weibliche Löwen eine Antilope erlegten. Die Antilopen stiebten auseinander, aber die Löwen hatten die schwächste Antilope längst ausgemacht. Sie trieben sie mit weit ausholenden Sprüngen immer mehr ins Abseits. Die Antilope kämpfte um ihr Leben, so gut sie nur konnte, und ihr einsamer Kampf war doch die Rettung der übrigen Herde. Schließlich nutzte ihr auch das verzweifelte Hakenschlagen nichts mehr, die Löwen sprangen die Ermattete einfach an und warfen sie zu Boden. Selbst dann zappelte sie und versuchte sich aufzurichten, um davon zu laufen. Doch die Löwen ließen es nicht mehr zu. Eine setzte sich einfach auf das Hinterteil der Antilope, und die andere näherte sich ihrem Hals. Es geschah da ein faszinierender Moment, und die gut ausgebildeten Tierfilmer hielten ihn genau fest. In dem letzten Augenblick ihres Lebens erst gab die Antilope den Kampf auf, und – sie streckte ganz lang ihren Hals, bot ihn praktisch der Löwin dar zum Todesbiss, die diesen auch schnell und sicher erledigte.

Für mich war dieser letzte Moment eine Hingabe, gewissermaßen einem Gesetz der Natur folgend, das Bild der Liebe an sich.

Entrüstet reagierte die kultivierte Dame an ihrem Kaffeetisch im Literatursalon, nach meiner Auffassung wäre jedes Schlachthaus ein Bordell.

In gewisser Weise hatte sie ja Recht, Charles hätte zum Schluss bestimmt nicht den Hals lang gemacht. Charles war ja keine Antilope, und zum Glück übrigens, zogen wir ihn rechtzeitig ins Auto.

Zu meiner Überraschung wusste auch John nicht genau, wo sich unsere Nachtunterkunft befand. Er fuhr eine größere Buschinsel an und stoppte. Die Scheinwerfer ließ er eingeschaltet.

„Siehst du“, flüsterte Jane, „dort stehen Zelte.“

Aber alles war in Finsternis getaucht, nur durch das Scheinwerferlicht undeutlich zu erkennen. Kein Mensch weit und breit zeigte sich. John rauchte in aller Ruhe eine Zigarette, träumte anscheinend, und nichts brachte ihn in Hektik. Er hupte nicht etwa. Von einem Handy ganz zu schweigen, das sicher ein deutscher Reiseleiter aufgeregt in kultivierten Ländern und normalen Urlaubszielen benutzt hätte.

Wie aus dem Nichts tauchten zwei Männer auf, und lange, sehr lange sprachen sie mit John und sehr leise. Sicher werden sie John kennen, dachte ich. Der eine der Männer trug die malerische Masai-kleidung und stützte seine Hüfte gegen den unvermeidlichen Stock, den fast alle Masai mit sich führten, Männer, wie Frauen. Der andere Mann trug einen Anorak, wie ich ihn noch aus der DDR kannte, so ziemlich jeder trug damals solch einen Anorak. Dann verschwanden die beiden leisen Männer wieder, verschluckt von der Dunkelheit. John startete und fuhr weiter auf dem Weg, hier standen die Büsche dicht, wie angelegte Hecken. Ich seufzte.

„War wohl nicht unser Platz?“

„Nein“, gab Jane zur Antwort, „John muss suchen.“

Wir fuhren noch drei Plätze an, die genau so aussahen, wie der erste. Vielleicht sechs Zelte, große Zelte unter festen Wellblechdächern standen auf einer Holzplattform. Mit der Zeit gewöhnte ich mich an die Dunkelheit, und ich erkannte immer mehr. Jedes mal standen windschiefe Hütten am Rande, das mussten die verfluchten Lochklos sein. Ein riesengroß erscheinender Gemeinschaftsplatz, rund und mit Schilf bedeckt und ein alter Wagen, der mich an einen Bauwagen erinnerte mit einem Vorbau, auch unter einem Wellblechdach. Es musste Zeichen geben, doch ich selbst sah kein Schild mit einer Nummer eventuell, John beugte sich vor, guckte suchend durch die Windschutzscheibe und fuhr dann weiter.

„Wenn nicht, schlafen wir im Auto“, sagte ich zu Jane. Inzwischen schliefen die Kinder schon halb.

„Nein, nein, wir haben bezahlt und müssen auch unsere Zelte bekommen.“

Und endlich fand John den richtigen Platz.

„Aussteigen“, sagte Jane, „wir sind da.“

Die beiden Männer tauchten wieder auf. Irgendwie geheimnisvoll, dachte ich, John fuhr schnell und lange. Sie mussten eine Abkürzung gegangen sein durch den Busch. Sie verständigten sich mit Jane und John. Dann schien alles klar, und John fuhr weg.

„Wo fährt er hin“, fragte ich.

„Er bringt das Auto weg, kommt aber nachher zurück, glaube ich, ich weiß nicht genau“, antwortete Jane.

Ich war immer neugierig, aber die Afrikaner nicht. Je weniger man von dem anderen weiß, umso besser. Das hatte ich schon festgestellt.

Eine Frau mit Eigenschaften

ist die Schwester des Mannes ohne Eigenschaften, von Musil beschrieben, deren schöne flache Brust nicht durch schwere Brüste entstellt wird. Sie weiß, was sie will und zaudert nicht andauernd wie der Bruder.

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Afrika 22

Dahinter befanden sich mehrere lange flache Häuser und auch ein Hotel mit einem riesigen überdachten Garten, vielen kleinen Tischen, große bequeme Sessel aus Bambus, klobig, gemütlich, wie zu Kolonialzeiten. Das war eine Anlage für reiche Touristen. Jane führte jetzt die Verhandlungen, aber nicht so leidenschaftlich, wie ich es bisher von ihr gewohnt war.

Auch die Kinder, selbst George machten einen seltsamen eingeschüchterten Eindruck. Wir saßen im Auto, während Jane verhandelte, und neben uns auf der Erde saßen Masai-frauen. Ich hatte meinen Platz ganz hinten und die kleine Scheibe aufgezogen. Da stand eine Frau auf und hielt mir eine schöne Kette aus bunten Holzstückchen durch das kleine Fensterloch. Sie redete mit dunkler Stimme und ruhig, aber unentwegt auf mich ein, die Kette vor meinem Gesicht hin- und herschwenkend. Ich bedeutete ihr mit Gesten und „no money“, dass ich nicht in der Lage war, ihr eine Kette abzukaufen. Doch sie ließ nicht locker. Sie wies auf den kleinen Kennedy, der sich förmlich auf den Vordersitz zusammenrollte, so dass nur noch seine riesengroßen Augen auf die fremde Frau mit einem Ausdruck schauten, der von Angst und Verwunderung zeugte. Die Frau knüpfte eine kleine Kette und deutete an, sie wäre für das Handgelenk des kleinen Kennedy. Wollte sie ihm die kleine Kette schenken? Sie lächelte so, aber Kennedy weigerte sich. Ich fragte:

„Present for him?“

Aber sie versuchte nur den Kontakt zu Kennedy. George, auf dem Beifahrersitz beobachtete mit gelassenem Gesichtsausdruck die Angelegenheit. Schließlich kamen Jane und John zurück. Die Verhandlungen schienen geklärt, Jane zog ein ernstes Gesicht. Wir klappten endlich das Verdeck hoch, die Frau verschwand. Und los ging die Fahrt in den berühmten Nationalpark, der sich bis nach Tansania erstreckt, und dort „Serengeti“ heißt. Ich fragte George noch, ob die Frau das Kettchen verschenken wollte.

„No, no, she want money.“

Nun konnten wir aufrecht stehen, und der Wind blies uns erfrischend ins Gesicht. Und das große Happening begann, Afrika, wie im Film, das Reich der Tiere. Die Savanne erstreckte sich in unendlicher Weite, der Boden hatte festen Bestand, vom halb verbrannten kurzen Gras bedeckt. Es existierte ein Hauptweg, aber nur schlecht erkennbar an den Reifenrillen, John konnte überall hinfahren. Tausende Quadratmeter Weite, da veränderte sich der Blick, gleich eines Seefahrers auf dem Ozean. Ganz am Anfang kam uns ein großer Reisebus entgegen. Er besaß natürlich kein aufklappbares Dach, und die jungen Menschen, fast alles Mädchen mir roten verklebten Haaren und Sommersprossen in den schneeweißen Gesichtern sahen arg erschöpft aus. Vielleicht eine englische College Klasse auf einer Urlaubsreise zum Schulabschluss. Nein, da hatten wir es schon besser, gegen diesen Riesendampfer verglichen, in unserem kleinen Boot… Wir konnten uns bewegen, hin- und herlaufen im Auto, auf die Sitze stellen oder nur auf dem Fußboden, uns blies der Wind um die Nase, und John war erfahren darin, die Tiere aufzuspüren. Denn so einfach zeigten sie sich nicht

Endlich, er fand den ersten Elefanten, ein einzelnes Tier. Und ich gab natürlich gleich den Kommentar:

“Was denn, mehr Elefanten gibt es hier nicht?“

Jane lachte nur.

„Warte ab, du wirst noch viele sehen.“

Dieses einzelne Exemplar hatte aber auch eine ungewöhnliche Größe, es musste sich um einen sehr alten Elefanten handeln, einen Einzelgänger. John fuhr nahe heran. Der Elefant ignorierte uns und zupfte sein Gras. Vom Zirkus kannte ich nur die indischen Elefanten, die, so hieß es, leichter zu dressieren seien, als die afrikanischen mit den großen Ohren. John fuhr sehr langsam, praktisch Schritt für Schritt dichter heran. Ich sah, John beobachtete den Elefanten genau. Er drehte sich jetzt langsam in unsere Richtung und stellte die Ohren auf Breite. John hielt sofort an. Das war der Abstand, den der Elefant zuließ, wir befanden uns vielleicht zwanzig Meter entfernt. Es erschien mir, wie ein stummes Gespräch zwischen Elefant und John, das heißt, für den Elefanten war John das ganze Auto. Wir standen ruhig, auch die Kinder im Auto bewegten sich nicht, nur George fotografierte. Ich hatte noch nie so einen großen Elefanten gesehen, für ihn wäre es eine Kleinigkeit, jetzt auf uns zu zurennen, und das ganze Auto mit Insassen zu zerstampfen. Aber John war halt erfahren. Der Elefant in seiner Friedfertigkeit hatte verstanden, näher rücken wir ihm nicht auf das dicke Fell. Mit seinen prächtigen Stoßzähnen wäre er wahrscheinlich für Ernest Hemingway und die anderen Herren Großwildjäger eine willkommene und für sie selbst ungefährliche Beute gewesen, aber diese Zeiten waren vorbei. Nun drehte er sich ganz langsam einmal um sich selbst, als wolle er George auch alle Seiten seines mächtigen Körpers zur Schau stellen. Dann machte er zwei Schritte auf uns zu, John blieb ganz ruhig, aber legte seine rechte Hand auf den Zündschlüssel. Der Elefant schwang noch einmal seinen Rüssel nach oben, wie um seine Riesenhaftigkeit zu zeigen, und lief dann ganz gelassen mit angeklappten Ohren in einem großen Bogen an uns vorüber.

„Na, das war doch was“, sagte ich und lachte.

„Ein schönes Tier“, sagte Jane, „ja?“

„Ja“, antwortete ich.

John startete, und unser Safari Fahrzeug schoss weiter. Es dauerte nicht lange, und er fand Tiere, Tiere über Tiere. Hauptsächlich Antilopen in allen Größen, mit geraden und geringelten Hörnern, Zebras natürlich sowieso. Mit ihren langen Hälsen schaukelnd stolzierten Giraffen, Georg hatte genug zu fotografieren, wir befanden uns mittendrin. John machte sich einen Spaß daraus, die Antilopen zu jagen, jedoch sie flüchteten sehr effektiv, immer nur ein Stück sprinten, dann umschauen, reichte das oder muss ich noch? Büffel sahen wir nur in der Entfernung von vielleicht zweihundert Meter. Sie wirkten sehr gefährlich, mit ihren kräftigen Körpern und sehr schnellen Sprints, sie jagten sich gegenseitig in einem Spiel, so erschien es mir. Jane hatte ja schließlich auch viele Jahre in einem Dorf gelebt und erzählte mir, dass ein einzelner Büffel sehr gefährlich für den Menschen wäre.

Einmal, noch als junge Frau, ging sie allein durch ein Wäldchen, und so ein Büffel raste plötzlich auf sie zu. Büffel sind ja pechschwarze Tiere mit halbrunden spitzen Hörnern auf der breiten Stirn. Wenn sie angreifen, halten sie den Kopf gesenkt, und die langen zottigen Haare am Hals bis zum Bauch herunter, flattern im Wind, allein schon durch ihren schnellen Lauf.

„Und was hast du gemacht?“, fragte ich.

Sie riss ihre schönen Augen weit auf.

„Oh, ich hab‘ alles weggeworfen und bin gerannt und gerannt, aber dann kam zum Glück ein zweiter Büffel, dann ist keine Gefahr.“

„Ach nur, wenn einer kommt“, wollte ich wissen.

„Ja“, antwortete sie und nickte bedeutungsschwer, „du musst finden einen Baum.“

Ich lachte.

„Und dann sitze ich auf dem Baum und was macht der Büffel, haut er wieder ab?“

Ihre Augen wurden immer größer.

„Nein, er steht und wartet, bis du runterkommst vom Baum.“

„Gott“, murmelte ich nur.

„Und weißt, du“, sagte Jane, „was der Büffel macht unten am Baum.“

„Nee.“

„Er weint.“

„Was?“ Jetzt war ich doch verblüfft.

Jane nickte ganz ernst.

„Doch das stimmt, er steht da und weint und weint, ganz große Tränen.“

Wir unterhielten uns so, wie in Deutschland.

„Und dort die Tiere“, sagte sie und zeigte in die Richtung. Weiter hinten erkannte ich drei oder vier Nashörner.

„Du meinst Nashörner?“, fragte ich.

„Ja, Nashörner“, antwortete Jane, „sie sind ganz ungefährlich.“

„Sie greifen nicht an?“

Sie kicherte.

„Doch, sie greifen an, aber sind ganz dumm, machen Kopf nach unten und Augen zu, und rennen, und rennen, und rennen und wenn kommen, du musst machen nur ein Schritt beiseite und zisch, sie rennen vorbei.“

Oha, dachte ich, wenn das nicht wertvolle Hinweise sind, falls ich mal allein durch den afrikanischen Busch gehe.

„Aber da gibt es ein Märchen in Deutschland, das tapfere Schneiderlein…“

Jane fiel mir ins Wort.

„Ich kennen das Märchen aus der Schule.“

„Als deutsches Märchen?“, fragte ich.

„Ja, als ein Märchen aus Deutschland, aber wir haben alle an die Nashörner gedacht.“

Ich überlegte, ob das Märchen vielleicht ursprünglich aus Afrika nach Deutschland kam? Und John fuhr und fuhr. Die Fahrt kam mir sehr schnell vor. John raste gewissermaßen über die harte polternde Steppe, aber wir konnten sich am Gestänge des aufgeklappten Daches festhalten und mit Knien abfedern, das machte einen Heidenspaß.

„Sieht du dort die vielen, vielen Elefanten?“

„Ja.“

Und sofort wendete John und raste zu den vielen Elefanten. Und wieder hatte George genügend mit seiner Kamera zu erlegen. Doch keiner der Elefanten war so groß, wie der erste einzelne.

„Und dort sind Schweine!“

Sie sahen allerdings ganz anders aus als deutsche Wildschweine, kleiner, aber mit einer riesigen Schnauze und langhaariges hellbraunes Fell. Auch sie kamen in die Kamera. Selbst ein anfangs unscheinbarer Vogel in einer kleinen Pfütze, entpuppte sich beim näheren Hinsehen als gar nicht so klein, wunderbar schlank mit einer stolzen Haltung und blau schimmerndem mit weißen Streifen durchsetztem Gefieder. Er bekam unsere Aufmerksamkeit und George schoss ihn ab, dass er am Leben bliebe. Auch die Kinder begeisterten sich total. Das war ihr Afrika, und sie kannten es nicht. Kennedy musste natürlich auf einen Sessel steigen, damit er sich mit uns in einer Höhe befand. Ich setzte ihm meinen Hut aus Spaß auf, da konnte er nichts sehen. Er nahm den Hut, während ich ihn fürsorglich mit einem Arm festhielt und gab ihn Jane. Jane beugte sich lachend zu mir.

„Weißt du, was Kennedy eben zu mir sagte?“

„Nein, sag mal.“

„Ich möchte den Hut von Papa nicht, auf Kikuyu.“

Jane war glücklich. Ich wurde nachdenklich und sah den kleinen niedlichen Kennedy an, so schnell, ein paar Tage nur, es kann ja sein, du denkst, ich bin dein Papa, aber deswegen bist du noch lange nicht mein Sohn. Ich mag alle kleinen Kinder, wenn sie lustig sind, Charme haben, auch noch niedlich aussehen. Lass uns Zeit, kleiner Kennedy, dachte ich, deine Mama hat sich fünf Jahre Zeit genommen. Und der kleine Kennedy hatte einen Vater. Jane hatte mir in Deutschland erzählt, dieser Mann, der wahre Vater, wollte Kennedy und Charles zu sich nehmen, als Jane ihre Absicht kundtat, nach Deutschland zu gehen. Doch the big family sagte, no. Kinder werden gehandelt, wie Besitz.

Ich wusste, wie ich auf kleine Kinder wirkte, und auf kleine Hunde. Endlich hielt John für eine Pause an einem Ort, an den sich scheinbar keine Tiere befanden. Mitten in der Steppe, stand eine bis zur Brust ragende Säule aus schwarzem Marmor. Ober eine Kugel, und darunter nach allen vier Himmelsrichtungen Platten, ebenfalls aus schwarzem Marmor, eine Art Doppelkreuz mit Inschriften, die ich nicht entziffern konnte. John hob weit den Arm nach hinten, in der Hand hielt er natürlich eine Zigarette.

„Tansania“, sagte er und lächelte mich an.

Ja, so sollten Grenzen sein. In diesem Moment dachte ich an mein langes Leben in der DDR: Ich machte natürlich brav meinen Schritt aufs fremde Land, auch ohne Visa Stempel. Musste ich bis hierher kommen, um die DDR abzuschütteln wie eine lästige Laus?

Alles, eine weite Landschaft, und wenn ich mich nicht täusche, hat ein deutscher Professor großen Anteil, dass dieses Paradies der Tiere entstand. Die Menschen in Afrika kennen seinen Namen, Professor Grzimek, wenn sie ihn auch unbeholfen aussprechen. Das war ein guter Mann. Natürlich, es handelte sich hier nicht um das reine Paradies, die Touristen karrten durch die Gegend. Aber in der Weite verloren sie sich, und die Tiere nahmen sie gar nicht mehr zur Kenntnis. Auch für die afrikanischen Kinder, auch für Jane und George waren das ganz neue Eindrücke. So kannten sie ihr Land nicht. Nur John kannte diesen Nationalpark, wie seine Westentasche, doch er hatte früher nur weiße Touristen, nicht Bekannte aus seinem Slum. Entsprechend wollte er uns allen auch etwas bieten.

Ich ging auf ein Gebüsch zu, um zu urinieren. Alle schrien entsetzt auf.

„Geh, nicht zu nahe ran“, rief Jane, „du weißt nicht, ob ein Löwe drin sitzt.“

Ich lachte nur. Ich hatte keine Angst, ich hatte nie Angst in Afrika.

„Na, wenn so ein dürrer Masai mit einem Löwen fertig wird, den würg‘ ich mit bloßen Händen.“

„Er ist verrückt, er ist verrückt.“

Jane übersetzte, und alle lachten. Noch einen Chapati aßen wir, wobei die Kinder, die gekauften Kekse jetzt vorzogen, ich lachte zu Jane und sprach:

„Na, wo ist denn jetzt der legendäre Ruf deiner Chapati, die Kinder essen lieber Kekse.“

„Ich verstehe das auch nicht“, antwortete Jane und lachte so herzhaft, wie sie nur lachen konnte.

„Ja, ja“, sagte ich stöhnend und gespielt verzweifelt, „der Konsum macht alles kaputt, ich kenne das noch aus der DDR.“

Weiter ging es. John raste los. Es war schon am späten Nachmittag, aber immer noch knallte die Sonne. Doch der Himmel zeigte sich nicht strahlend blau, sondern überall schwebten Wölkchen wie kleine Fallschirme herum, und das erwies sich später auf den Dias, als noch reizvollere Landschaftseindrücke, als sie so ein blank gescheuerter Himmel geboten hätte. John interessierten jetzt keine Antilopen, Zebras, Büffel, Nashörner oder Giraffen. John suchte Löwen, aber Löwen finden war nicht einfach. Sie versteckten sich irgendwo am Tage, ihre Zeit kam nachts, wenn kein Mensch mehr hier war. Er suchte systematisch alle Buschinseln ab, und ich wusste nicht, warum ich, als mzungu, die erste Löwin entdeckte.

„Stop, John, Stop.“ Das Auto wippte, und John sah mich fragend an.

„Zurück, back, back.“

Ich winkte. Und da lag sie, eine kleine Löwin, im Schatten des Gebüschs, genauer gesagt, im Grenzbereich von Schatten und Licht. Natürlich war sie schwer auszumachen, und es bedeutete einen Zufall, dass ich sie entdeckte. John fuhr der armen kleinen Löwin beinahe über die Tatzen. Sie musste sich alle Mühe geben, unbeteiligt in die Ferne zu schauen. Aber John hatte über Sprechfunk seine Rafikis alarmiert, und ehe es wir uns versahen, standen fünf Fahrzeuge hinter uns, und John rückte langsam vor, um den anderen Platz zu machen. Ein Rafiki, ein Masai im Gewand, erklärte John, dass, wenn eine Löwin sich zeigte, in der Nähe noch mehr sein müssen. John wollte auch hinterher, aber er hing plötzlich in einem Schlagloch fest. Trotz Allradantriebs, es ging nicht vor und nicht zurück. Jane schaute mich an. Die Löwin lag ungefähr zwanzig Meter entfernt.

„Wer schiebt.“

Ich lachte.

„Wenn dann alle.“

Auf einmal schüttelte sich Jane aus vor Lachen. Ach, waren das herrliche Zeiten, fernab der Großfamilie.

„Weißt du, Kennedy muss das verstanden haben, er sagte auf Kikuyu, ich bleib im Auto.“

Aber John besaß für solche Fälle noch eine Wunderwaffe, eine Eisenstange. Er öffnete seine Tür einen Spalt breit, und mit Hilfe der Stange und seiner Armkraft hob er das Auto etwas an, und wir kamen frei. Wir jagten den anderen nach, um noch mehr Löwen zu finden. Die Dämmerung begann schleichend Aber, wie alles in Afrika, ließ sich auch die Dämmerung Zeit, ehe sie in eine Dunkelheit wechselte.

„Fährt John jetzt zurück?“, fragte ich.

„Ja“, antwortete Jane, „wir suchen jetzt unserer Zelte.“

„Zelte?“

„Ja, wir schlafen die Nacht in Zelte, hier irgendwo im Gelände, habe ich dir das nicht erzählt.“

„Ich weiß nicht, vielleicht.“

Jane lachte mit mir. Hat die afrikanische Mentalität, dieser Fatalismus, schon nach so kurzer Zeit mich erfasst? Ich glaube, ich hatte sie schon lange vorher hier in Deutschland gehabt. Ja, vom ersten Tag an fühlte ich mich in Afrika wie zu Hause, wie angekommen. Jane verstand mich ganz gut, zu diesem Zeitpunkt jedenfalls, sie gab mir dieses Gefühl.

Mir war so ziemlich alles egal, aber Toiletten nicht. Gut, schlafen wir in Zelte mitten im Nationalpark, ohne Zäune, und in der Nacht schleichen die Löwen um uns herum auf der Suche nach einem Leckerbissen. Für mich gab es eigentlich nur ein Problem.

„Was sind denn da für ’ne Klos in diesem Zeltlager?“

Jane kicherte. Sie genoss es offenbar, mich zu schocken.

„Ich weiß nicht genau, aber bestimmt Lochklos.“

Afrika 21

Die Masai waren eigentlich Viehzüchter und besaßen sehr viele Kühe, ebenfalls so klapperdürr, wie ihre Eigentümer. Vielleicht sind Menschen und Tiere hier so dünn, um die große Hitze besser zu vertragen, immerhin herrschen im Sommer vierzig Grad Celsius. Jane erzählte mir in Deutschland, dass die Masai in Kenia die Rolle spielten, die eine Zeit lang in Deutschland die Ostfriesen einnahmen. Das hieß, man riss sehr viele Witze über sie. Nun hörte ich solche Aussagen Janes vorsichtig, die Kikuyu machen ungefähr fünfzig Prozent der Bevölkerung aus. Sie hatten den Unabhängigkeitskrieg angeführt. Und Anfang der achtziger gab es in dem, nun unabhängigem Kenia einen blutigen Bürgerkrieg, und die Kikuyu wurden unterdrückt. Da sie aber nicht nur der zahlreichste Stamm Kenias sind, sondern auch sehr wendig, aktiv und sich am besten den neuen Lebensbedingungen anpassen konnten, gewannen sie von Jahr zu Jahr wieder an Einfluss zurück. Und sie fühlen sich allen anderen Stämmen überlegen, sie waren es vielleicht auch. Der alte Präsident Moi, der sie damals niederschlug, war inzwischen ermüdet in seiner Macht. Seine Trotteligkeit wurde bekannt, und man zog Witze über ihn, wie einst in der DDR über Erich Honecker. So hatte er zum Beispiel vor dem Parlament allen Ernstes vorgeschlagen, sämtliche Kenianer mögen für zwei Jahre sexuell enthaltsam leben, und das Problem Aids wäre gelöst. Das Lachen über seinen Vorschlag schallte bis nach Deutschland, obwohl ja der Papst der Katholiken ähnliche Ansichten hat. Jane erzählte mir, in seinen jüngeren Jahren, das wusste auch ganz Kenia, unternahm er fast täglich Schulbesichtigungen, und die älteren Mädchen tanzten für ihn. Er suchte sich dann immer die hübscheste aus, und die Lehrerzimmer der Schulen verwandelten sich für seine Besuche in Liebesnester.

„So sind halt Männer, wenn sie jung sind. Und wenn sie alt sind – du musst auch bei mir damit rechnen, dass ich demnächst die Enthaltsamkeit predige.“

Ich kicherte und dachte ein wenig an den Papst.

„Du“, antwortete Jane, „du hörst auch mit siebzig noch nicht auf.“

Sie kicherte ebenfalls. Gut, dass die Kinder nichts verstanden.

Im nächsten Jahr hatte Moi seinen Rücktritt angekündigt, seine Privatarmee von hundertfünfzigtausend Mann existierte aber. Wer wird sie auflösen? Im Parlament hieß es, der Sohn Kenyattas würde die Nachfolge Mois antreten, und Kenyatta, ein Kikuyu, war der erste Präsident nach der Unabhängigkeit Anfang der sechziger Jahre. Angeblich hätte Moi am Totenbett ihm das versprochen. Ich fragte mal Jane in Deutschland, welchen Stamm gehört denn Moi an. Sie machte nur eine wegwerfende Handbewegung und sagte:

„Ach, weiß ich, irgendeine Teufelsanbetersekte.“

Ja, Jane zeigte mir ziemlich deutlich den Rassismus in Kenia, den Rassismus der Kikuyu gegen alle anderen Stämme. Sollte ich mich als mzungu da raushalten? Nun kann man sich vorstellen, welch explosiver Sprengstoff in Kenia in der Luft lag und liegt.

Um auf die Masai zurückzukommen, ihnen gelang es, ihr jetziges Land in relativer Unabhängigkeit zu halten. Masais hatten ihre eigenen Gesetze, und die Regierung redete ihnen da nicht herein. Das Land dort war auch so ausgetrocknet und dürr, es blieb uninteressant. Nur die Touristen kamen wegen der Tiere. Nicht wegen der Menschen, höchstens aus der Ferne schauten sie scheu, und in Folkloredarbietungen abends vor dem Hotel, die aber mit dem wirklichen Leben der Menschen nichts zu tun hatten Masai verhalten sich friedlich, aber sehr stolz. Die Witze, welche die Kikuyu und vielleicht auch andere Stämme Kenyas über die Masai machen, haben mehrere Ursachen. Zum einen standen die Masai nicht auf der Seite der Kikuyus während des Unabhängigkeitskrieges Anfang der sechziger Jahre, ja, viele von ihnen kämpften auf der Seite der Engländer gegen die Kikuyu, vielleicht auch, weil sie um ihre Sonderrechte fürchteten. Zum anderen bestand der Kult um die Masai seitens der Touristen. Obwohl sie kein kriegerischer Stamm waren, hatten sie seltsame Bräuche. Wenn ein Masai-mann eine Masai-frau heiraten möchte, musste er einen anderen Mann töten, um seine Kraft und Ehre zu beweisen, die Angebetete zu ehelichen. Jane erzählte mir in Deutschland, es gab lange Verhandlungen mit der neuen Regierung, diesem einen Brauch nicht mehr nachzugehen, denn er war ja mittelalterlich.

Aber es gab eine Einigung, der Masai-mann, der heiraten möchte, darf einen Löwen erlegen, die zweite Möglichkeit, seinen Mut zu beweisen. Und dieser Brauch existierte angeblich bis heute. Nur mit einem Speer bewaffnet erlegt der Mann einen ausgewachsenen Löwen, oder, wenn er es nicht wert ist, erlegt der Löwe ihn.

Die Kikuyu möchten gern Kenia in ein zivilisiertes Land verändern, sie sind bereit, sich der modernen Zeit anzupassen. Nicht so die Masai, man wird hier in Deutschland keine Masai als Asylanten treffen, sie leben nach ihren alten Regeln. Vielleicht war es Neid, der den etwas feindseligen Witz erzeugte, denn die übrigen Kenianer schafften nicht den Anschluss an die moderne Welt, dafür sorgte schon die moderne Welt. Wenn ich nachfragte, was denn an den Masai so witzig wäre, nannte Jane meist einen seltsamen Grund; sie trugen keine Unterwäsche unter ihren weiten rot und blau gewebten Gewändern. Das allein gab den Kikuyus jedenfalls genügend Grund zur Heiterkeit.

In jedem Reiseführer stand, dass man in Afrika die Menschen nicht fotografieren darf, man stehle ihnen dadurch die Seele, und wenn doch, müsse man vorher verhandeln über den Preis ihrer Seele. In Narok bekam ich eine Lektion über diesen Preis. John musste aus irgend einem Grund halten, sei es, dass er einem Reisebus die Vorfahrt gab oder ein Esel über die Straße trottete, ich wusste es nicht mehr, eine willkommene Gelegenheit mich umzuschauen. Eigentlich sah ich gar keine Stadt, sondern Buden und Märkte, aber keine Wohnhäuser. Ein einziges großes Steinhaus bemerkte ich, es handelte sich wahrscheinlich um ein Hotel, und in der Ferne erblickte ich eine prächtige Moschee. Die Buden erinnerten an diejenigen, die wir auf dem Weg zu Mama Jane sahen. Shops, manche hatten an ihrer Giebelseite farbenfrohe große Schilder genagelt. Ansonsten sah ich nur Märkte mit Obst, dessen Farben leuchtete, weil es frisch gewaschen war. Die staubige Straße, eigentlich ein Sandweg wimmelte von Menschen und von Kühen. Auch Esel liefen frei herum. Eine Masai-frau wollte mit einem kleinen Jungen an der Hand die Straße überqueren. Der Junge trug zivile Kleidung, wie sie auch die Kinder in Europa tragen. Aber die Masai-frau bot einen prächtigen Anblick in ihrem bunten Gewand, den geflochtenen Haaren und riesengroßen Ohrringen aus Holz, deren Last über die Jahre die Ohrläppchen zu großen Lappen werden ließen. Na, das wollte ich doch festhalten. Im Auto fühlte ich mich unentdeckt und hob die Kamera zum Schusse. Und ich hatte sie erlegt. Völlig verblüfft nahm ich zur Kenntnis, dass sie geradewegs auf unser Auto zusteuerte. Und durch die Scheibe ging ein Wortschwall auf mich nieder. Ich versteckte als erstes den Fotoapparat unter eine Decke, und machte ihr als zweites Zeichen, dass ich leider kein Wort verstand. Jane, die vor mir auf der Bankreihe saß, hatte das Fenster geöffnet, so dass sie nun an die Reihe kam. Sie bekam zuerst gar nicht mit, dass ich fotografierte. Die beiden Frauen diskutierten, ja, aber wenn zwei Afrikanerinnen diskutierten, ging es recht lebhaft zu. Ich amüsierte mich. Das knochige ausgemergelte Gesicht der Masai-Frau erschien nicht schön, aber äußerst interessant. Ihre Augen jedoch blickten schön. Sie schimpfte lauthals, ohne sich wirklich echt aufzuregen. Sie spielte die Entrüstete. Und, wie so oft, wenn man die Sprache nicht versteht, verstehen die Augen mehr, als sonst. Die gute Frau brachte es fertig, Jane in Rage zu bringen und gleichzeitig mir zuzuzwinkern. Jane wusste natürlich, wir befanden uns im Land der Masai, und wir könnten uns viel Ärger auf den Hals holen. So zückte sie schließlich das Portemonnaie und drückte der Masai-Frau ein Geldstück in die Hand, die Frau sprach weiter und wies auf das Kind. Da drückte ihr Jane ein weiteres Geldstück in die Hand, ihr Gesicht blieb äußerst verkniffen. Nicht ohne mir noch einen schelmischen Blick zuzuwerfen, ging die Frau mit dem Kind weiter in der unnachahmlichen ruhigen Gangart, die nur die Hitze erzeugen konnte.

„Das machst du nicht noch mal mit mir“, schimpfte Jane, deren Herz blutete.

„Wie viel Geld wollte sie denn haben?“ fragte ich, immer noch lachend.

„Zweitausend Schillinge!“

Jane betonte jede Silbe, um diese ungeheuerliche Forderung deutlich zu machen. Oho, das waren sechzig Mark.

„Und wie viel hast du ihr gegeben?“

„Fünfzig Cent.“

Jetzt kicherte Jane. Hundert Cent sind ein Schilling, das waren sechzig Pfennige.

„Und dann wollte sie noch was für das Kind?“

„Ja, da habe ich ihr noch einmal zwanzig Cent gegeben.“

„Hm“, machte ich und sagte, „eine Kinderseele ist ja auch kleiner.“

Nun lachten wir beide. Es war also möglich, zwei Seelen von sechzig Mark auf ungefähr sechsunddreißig Pfennige herunter zu handeln.

„Das nächste Mal, geht es nicht so gut ab“, meinte Jane und drohte mir mit dem Finger.

„Was meinst du, wenn unser Auto plötzlich von lauter Masai umzingelt wäre.“

„Aber es ist doch gut gegangen, und ich habe sie auf dem Film.“

Ich lachte in einem fort, für mich wirkte die Sache äußerst spaßig.Nicht so für Jane, für sie waren schon die paar Pfennige eine Niederlage. Grundsätzlich bemerkte ich in der Diskussion bei beiden Frauen die gegenseitige Abneigung. Aber ich versuchte mit Jane über dieses Problem zu reden.

„Wie wollt ihr in Kenya das Land aufbauen, wenn ihr gegeneinander solche Abneigung habt, erinnere dich an das Denkmal, das Symbol der beiden sich haltenden Hände, die Stämme müssen doch zusammenhalten.“

„Ach“, erwiderte sie unwirsch, „Masai kannst du vergessen.“

In Deutschland besaßen wir so viele Freundschaften mit Kenianern, auch anderen Afrikanern, und alle verstanden sich großartig, aber hier in Kenia?

Jane kaufte Gemüse und Obst ein, schickte George zu einen dieser Shops, um Fleisch zu kaufen. Es gab keine Kühltruhen, aber trotz der Hitze erwies sich das Fleisch im guten und essbaren Zustand. Vielleicht hatte die Kuh noch zwei Stunden vorher gelebt, und im Auto stand ja eine Kühlbox. Denn der Vertrag für die Safari, mit Ali ausgehandelt, beinhaltete, dass wir uns selbst versorgen müssten. Das mitgebrachte Essen würde von einem Masai im Camp im Nationalpark dann für uns zubereitet. Das beruhte alles auf Kostenfragen, denn Jane wollte die Tour, jedoch so billig wie möglich. Unser Auto fuhr wieder an, langsam mussten wir uns durch das Gewimmel, von Menschen, Tieren, das waren Kühe und Esel und Ziegen, und einige andere Fahrzeuge, bewegen, der Himmel war blau, die Straße staubte, die Hitze stand über der Stadt. Doch es herrschte eine eigenartig heitere Atmosphäre, die Menschen lachten, Autos hupten, und über allem lag eine gewisse Gelassenheit. Vor einer der Holzbuden oder Shops entdeckte ich einen Schneider. Er saß auf dem durchgehenden Podest vor den Buden, Treppen führten zu dem Podest, eine Art Rampe, um die Shops besuchen zu können. In der Regel waren es nur kleine Fenster, und die Kunden standen draußen auf der Rampe. Dieser Schneider saß hinter einer Nähmaschine, wie sie meine Mutter besaß, als ich ein Kind war. Als kleines Kind konnte man sich eingezwängt auf das gusseiserne Trittbettchen setzen und ein wenig schaukeln, während es oben surrte. Nun, der Schneider hatte ein riesengroßes blaues Tuch eingespannt und nähte und nähte in der prallen Sonne, vielleicht einen langen Rock, in den sich eine Frau später einwickelte. Neben ihn stand eine Frau auch im blauen Rock, sie hatte die Hände in die Hüften gestemmt und sprach mit ihm, er redete, und sah sie an, ohne seine Arbeit zu unterbrechen. Auf einmal drehte sich die Frau und bückte ihren Oberkörper tief nach unten mit durchgedrückten Knien, wie es die afrikanischen Frauen machen, auch bei Jane hatte ich das schon beobachtet. Sie brauchen keine Turnübungen oder Gymnastik im Fitnesscenter, sie vollzogen die Übungen von Natur aus so. Man sah also ihren schönen runden Hintern nach oben gestreckt, züchtig im langen blauen Rock, nichts weiter, aber der Schneider schaute zur Seite auf sie herab, und jetzt musste sie etwas gesagt haben, dass ihn zum schallenden Lachen brachte. Das sah so gut aus, und unser Auto hielt gerade, dass ich Jane bat, sie saß auf der richtigen Seite, den lachenden Schneider zu fotografieren. In ihr war noch die Erinnerung an mein Fotoabenteuer mit der Masai-Frau, dass sie dann ausbaden musste.

„Bitte, Janie, er sieht uns nicht, er schaut doch auf die Frau.“

Zum Glück tat sie es, und es ist einer der schönsten Fotos geworden. So nach und nach verließen wir die kleine Stadt, die eigentlich nur eine Bretterbudensiedlung mit einem großen Steinhaus und einer weißen Moschee war, da kam uns ein Gefährt entgegen, das mich veranlasste, John zuzurufen:

„Stop.“

John hielt auch sofort und ich sagte zu Charles:

„Haraka, haraka, schnell, schnell.“

Ich klappte die Sitzbank nach vorn und verließ das Auto, Charles mit dem Fotoapparat in de Hand folgte mir, und er stellte sich hin – mich zu fotografieren.

„Bist du wahnsinnig, siehst du das nicht.“

Vor Aufregung verließen mich meine Suaheli und Englisch-Vokabeln. Das Gefährt befand sich schon auf unserer Höhe. Charles schaute mich verwundert an. Ein Junge, vielleicht in Charles Alter, stand auf einem zweirädrigen Karren mit einer winzigen Holzplattform ohne die Möglichkeit sich irgendwo festzuhalten, ein Esel, wirklich im Galopp, zog den Karren, der Junge hielt mit einer Hand die Zügel und schwang über den Kopf mit der anderen Hand eine lange Peitsche, um den Esel noch mehr anzutreiben. Das alles über eine holprige Straße, so dass der Karren förmlich über die Schlaglöcher sprang.

„No me, no me“, sagte ich zu Charles, „there, this Esel, this Karren.”

Endlich verstand mich Charles, und er wollte das Gefährt fotografieren. Wie der Junge das bemerkte, blieb mir ein Rätsel, denn er drehte sich während seiner rasenden Fahrt auch noch um und drohte mit der Peitsche zu Charles, der sich nicht getraute, ihn daraufhin zu fotografieren, und schon waren Esel und Karren und Junge aus unseren Augen verschwunden. Seufzend setzte ich mich wieder ins Auto, nahm Charles den Hut ab, zog ihn mir tief ins Gesicht und lehnte mich an, die Beine weit von mir gestreckt, die Arme über die Brust verschränkt.

„Was hast du?“, fragte Jane und lachte, und alle schauten mich verwundert an, während John wieder losfuhr.

„Janie“, sagte ich, „ich war in meiner Jugend beim Zirkus, das weißt du. Fast jede Artistik beruht auf ein außergewöhnliches Gleichgewichtsgefühl. Dieser Junge auf dem Karren, er drehte sich sogar noch um, dieses Tempo, und er stand so sicher, wenn du ihn nach Europa zum Zirkus holst, er bekommt den ‚goldenen Löwen’ in Monaco beim Zirkusfestival und was macht Charly Chaplin, hm, er fotografiert mich.“

Jane lachte und lachte, wie in Deutschland einst.

„In Afrika gibt es keinen Zirkus, fast jeder Junge kann das hier, für die Kinder ist das ein ganz normaler Anblick.“

„Ach ja.“

Ich sann darüber nach, während Jane lange brauchte, um den anderen, meine Verzweiflung zu erklären. Charles lächelte und streichelte mich mitfühlend. Von da an ließ er die ganze Safari lang, keine Gelegenheit mehr entgehen, Esel zu fotografieren. Ich besitze mindestens zehn Dias mit langweilig herum trottenden oder stehenden Eseln, aber der Junge auf dem Karren, den habe ich nur im Kopf. Wir bogen von der so schon holprigen Straße ab, und fuhren nun auf einem Weg, der hatte es in sich. Wir sprangen, wie Tischtennisbälle auf unseren Sitzen und mussten acht geben, nicht mit den Köpfen an das Dach zu stoßen. John beschleunigte noch das Tempo. Es wurde eine Tortur. Dazu kam diese Hitze, zwar hatten wir alle Fenster offen, aber das nutzte nicht viel. Wir besaßen doch schließlich ein Safarifahrzeug, und ich bat mit Janes Hilfe der Übersetzung, John, das Dach aufzuklappen. Doch das durfte er erst im Park selbst. Ich konnte kein kaltes Guinness trinken, das Auto schaukelte und hüpfte dermaßen, da gelang mir kein Schluck aus der Büchse. Tiere zeigten sich nicht, nur eintönige Savanne. Wir litten alle. Ungefähr nach einer Stunde hielt John an. Er zeigte mir seine Hände und seine Unterarme, etwas kläglich lächelnd.

„Jane“, sagte ich, „sag John, wir machen eine schöne Pause.“

Und wir aßen Chapati, ich konnte mein kaltes Guinness genießen, die anderen ihren Saft mixen. Es ging uns bedeutend besser. Und ich rauchte mit John, jeder eine Zigarette aus meiner Packung. John erklärte mir, indem wir auf seine Uhr schauten, dass wir in einer halben Stunde unser Ziel erreichen werden. Kennedy lief zwanzig Meter, zog sich die Hose runter und hockte sich hin. Er machte wunderschöne Augen bei seinem großen Geschäft, das Bild besitze ich auch noch. Dann hatte sich John genügend erholt, und er fuhr jetzt nicht mehr ganz so wild. In einer halben Stunde erreichten wir ein riesiges Holztor, es stand weit offen, und ein Zaun existierte nicht.

Afrika 20

Natürlich mussten wir überhaupt nichts tragen. Ein Verkäufer folgte uns mit den beiden großen Einkaufstüten, und zwei Kittelmänner mit dem Fernsehgerät, bis zu unserem Taxi. Als ich mich beim Beladen einmal umsah, stand hinter uns ein Wachmann, offensichtlich vom Einkaufscenter, mit einer „Nilpferdpeitsche“ in der Hand, um uns zu schützen. Ich lachte die ganze Heimfahrt im Taxi, Jane erklärte dem Fahrer, warum ich lachte. Der Fahrer lachte nun auch, aber mehr über mich, als über die für ihn ganz normale Schilderung unseres Einkaufs. Ich gab ihm eine Zigarette, da er ja neben mir saß und Jane hinten, neben dem Fernsehapparat. Während der Taxifahrer sich vorbeugte, um die Zigarette anzuzünden, schirmte er mit einer Hand dem brennenden Streichholz vor dem Wind ab, lenkte sein Fahrzeug nur mit der linken Hand, und schoss durch den Kreisverkehr, ohne richtig hin zu gucken. Es herrschte lebhafter Verkehr. Wie wir da ohne Karambolage unversehrt durchkamen, zählte ich ab dann zu den Wundern dieser Welt

John erschien am nächsten Tag früh und brachte einen Riesenturm von „Chapati“ mit, die Mama Jane für uns zubereitet hatte. Chapati waren so eine Art von Fladen, ich hatte keine Ahnung, ob sie diese Dinger aus Maismehl machen, vielleicht. Irgendwie schmeckten Chapati, wie eine Mischung zwischen Eierkuchen und Kartoffelpuffer. Jane bereitete auch in Deutschland ab und an Chapati, wenn sie dran war mit Essen kochen.

Einmal erzählte sie mir, wenn in einem Dorf der Kikuyu eine Frau genügend Geld gespart hatte für Öl und Mehl, eventuell ein Fest in Aussicht stand, begann sie schon am Vormittag mit der Zubereitung der Chapati. Der Duft der noch warmen Fladen zog durch das gesamte Dorf, und alle Kinder schwärmten, wie die Hornissen um ihre Hütte, und sie erhielten natürlich jeder einen warmen Chapati. Sie sind nicht sehr süß, schmecken eigentlich nach fast gar nichts, aber Chapati besaßen auch den großen Vorteil, dass man sie nicht kühl aufbewahren musste, und sie hielten sich in der größten Hitze tagelang. Und vor allem, sie machen satt für den ganzen Tag. Ich hatte den Vorschlag gemacht, ausreichend Essen mitzunehmen, weil ich mir nicht eine Wiederholung des Restaurantbesuches unserer ersten kleinen Safari in der Nähe Nairobis wünschte...

Der Patient schwieg. Die junge Schwester atmete auf. Endlich eine Pause, dachte sie. Aber interessant ist es schon, was dieser Melchior B. erzählt. Sie stand auf und öffnete das Fenster. Dann kramte sie in ihrer Kitteltasche und holte Zigaretten hervor. Das war verboten, streng verboten sogar, hier zu rauchen. Doch sie riskierte es. Sie drehte sich um und sagte:

Na, du Raucher, würdest auch gern eine rauchen, aber du schläfst ja, schlaf dich mal gesund.“

Sie kicherte.

Was er alles erzählte, nein, das war ja unvorstellbar, ein erzählender Patient.

Es machte ihr nicht unbedingt Lust, auszuwandern. Sie fühlte sich hier wohl, hatte ihre Arbeit, die Freunde. Muss ich deshalb ein schlechtes Gewissen haben, überlegte sie. Nein, antwortete sie sich selbst im Stillen. Ihn trieb die Liebe zu seiner Jane dorthin, wenn das alles stimmt. Und er ist auf die Nase gefallen. Sie betrachtete sein zerschrammtes Gesicht, im wahrsten Sinne des Wortes.

Sie warf die Kippe im hohen Bogen aus dem Fenster.

Dann fiel ihr plötzlich ein, er hatte doch auch von einem Gehirnschlag berichtet, das ist ein Schlaganfall.

Schnell ging sie hinaus und in Richtung des Arztzimmers. Der Doktor saß allein am Tisch, während Kollegin Anna am Medikamentenschrank hantierte.

Hi“, sagte Anna.

Hi”, erwiderte die junge Schwester.

Hast du heute einen Zuhörtag geschenkt bekommen?“

Die Schwester lachte.

Ja, weil mich der Doktor so gern hat.“

Der Doktor grinste. Schließlich wussten alle Schwestern, dass er noch Junggeselle war. Er räusperte sich.

Gibt es Probleme?“

Na ja“, meinte die Schwester, „er erzählte auch, dass er schon einmal einen Gehirnschlag hatte.“

Hm“, äußerte sich der Arzt und zog etwas zweifelnd die Augenbrauen zusammen, „wir haben doch auch ein EEG gemacht. Da war kein Hinweis auf einen Schlaganfall. Manche Patienten reden sich was ein, und der Chef sagte doch, er fantasiert.“

Ich wollte es ja nur sagen“, meinte kleinlaut die Schwester.

Ja, ist ja in Ordnung“, sagte der Doktor, „sie sind ja bei ihm, aber vergessen Sie Ihre Mittagspause nicht.“

Nein, nein“, antwortete die junge Schwester und wollte gerade das Zimmer verlassen.

Übrigens“, rief der Doktor ihr nach, „wann heiraten wir denn?“

Anna kicherte. Die Schwester errötete, und könnte sich selbst dafür ohrfeigen.

Wann Sie wollen, Herr Doktor, wann Sie wollen.“

Schnell eilte sie davon. Das Lachen begleitete sie. Hier kommt es darauf an, alles ins Scherzhafte zu ziehen. Zum Glück fiel ihr die Antwort ein. Kaum hatte sie sich hingesetzt, begann Melchior B. mit seiner Erzählung fortzufahren, als hätte er auf sie gewartet...

Die Stadt Nairobi erstreckte sich bei weitem nicht so groß, wie etwa Berlin. Im Nu befanden wir uns außerhalb der Stadt auf der Straße ostwärts in Richtung Narok. Wir fuhren durch ein großes weites Tal, das Rift Valley, die Straße erwies sich in einem außerordentlich guten Zustand, da gab es schlechtere Straßen gerade im Osten Deutschlands. Die Landschaft, die rechts und links vorbei flimmerte, bot sich als eine eintönige und daher sehr beeindruckende Weite dar. Savanne, vereinzelt standen diese Bäume, die dünn stämmig, nicht sehr groß, mit ihrer flachen Krone von staubig grünen Blättern, mich an Regenschirmen erinnerten, Akazien. Ab und an sah ich Büsche, wie kleine Inseln, und in der Weite entdeckte ich Zebraherden. Das wäre nichts besonderes, erklärte mir Jane, Zebras gibt es überall und zahlreich. John fuhr schnell, aber nicht sehr schnell, der Verkehrsdichte hielt sich in Grenzen, überhaupt nicht vergleichbar mit Deutschland. Ich erlebte kein Überholmanöver, alle fuhren im gleichen Tempo, entspannt.

Ich schaute nicht auf das Tachometer, mir eh unverständlich, denn es zeigte ja Meilen pro Stunde an. So schätzte ich, wir fuhren mit achtzig Stundenkilometern. Der Himmel zeigte sich so wolkenlos, wie auf allen Kitschpostkarten und, obwohl noch früher Vormittag war, kündigte sich ein heißerTag an. Kitsch kann mitunter zur Realität werden.

Die Luft in der Ferne flimmerte bereits. Auf einmal bremste John, ich hatte einen Arm um Kennedy, einen um Charles gelegt, der mir wieder einmal meinen schönen Hut weggenommen hatte, ich war in Träumen versunken. Diese weite öde Landschaft verführte einfach dazu, so eine lässige Ruhe erfüllte mich. Neugierig streckte ich mich hoch, um zu sehen, was John zum Bremsen verleitete. Mindestens zehn Polizisten standen in ihren graugrünen Uniformen, ihren großen Schirmmützen, die an die Polizeiuniformen der alten Sowjetunion erinnerten, aber ich denke mal, alle Polizisten der Welt sind sich ähnlich, auf der Straße. Auf der anderen Straßenseite hatten sie ein dickes rotes Gummiband ausgerollt, das im Abstand von vielleicht zehn Zentimeter mit großen Stahlspitzen bestückt war, eine perfekte Sperre. Das Auto, das dort hinüber fuhr, musste garantiert mit einem Reifenknaller rechnen. Aber auf unserer Seite blieb alles frei. Einer der Polizisten winkte uns durch, und die eintönige Fahrt ging weiter.

„Was war das?“, fragte ich Jane, denn schließlich kannte ich solche Vorrichtungen, wie diese Reifensperre nicht. Jane lachte.

„Das ist für matatus und Busse.“

„Wie?“

„Na, die Polizei muss doch ihr Geld verdienen, sie bekommen keinen Lohn wie in Deutschland.“

Matatus nannten man Kleinbusse, die häufigsten Verkehrsfahrzeuge in Kenia, meist bis zum Bersten gefüllt, lange nicht so teuer wie Taxis. Die großen Busse waren noch billiger, dort klebte praktisch Mensch an Mensch.

„Aber müssen die Besitzer dieser Fahrzeuge keine Steuern zahlen?“

Jane lachte fröhlich, ich verstand aber auch nichts von Kenia.

„Nein, hier ist nicht solche Bürokratie wie in Deutschland. Die Autos müssen überfüllt sein, sonst verdienen die Besitzer nicht genügend Geld, und die Polizei holt sich das Strafgeld.“

Das war wirklich schwer zu verstehen.

„Na, wenn ein matatu nur soviel Menschen transportiert, wie es die Vorschrift zulässt, brauchen sie kein Bußgeld zahlen, oder.“

Jane konnte sich ausschütten vor Lachen über meine Naivität.

„Die Polizei findet immer einen Grund, und dann gibt es nicht immer Straßensperren.“

„Reicht es denn nicht aus, wenn ein Polizist mit einer Fahne winkt?“

Jane übersetzte alle meine Fragen hauptsächlich für John, der sich natürlich auch halb totlachte.

„Wenn Polizist winkt mit der Fahne, gibt der Fahrer Vollgas und fährt durch, der Polizist würde schießen, aber das gibt dann meist nur eine Beule oder eine kaputte Scheibe.“

Das gab ich zu.

„Bei diesen Reifenknallern muss man halten.“

Doch eine Frage blieb mir offen.

„Wir sitzen doch auch in einem matatu, wieso mussten wir nichts bezahlen?“

Jane schüttelte nur den Kopf.

„Na, hast du nicht gesehen, dass John ganz langsam heranfuhr, und ein Polizist reinschaute?“

„Ja, das habe ich gesehen, aber dann hat er ihn durch gewunken.“

„Und was meinst du, warum?“

Jane machte es Spaß, mich aufzuklären.

„Ich weiß es nicht, entweder müssen alle zahlen, damit die Polizei leben kann, oder keiner.“

Jane kam nahe ins Verzweifeln.

„Mensch, der Polizist hat dich gesehen, und ein weißer Mann ist ein Tourist, sie haben ihre Vorschriften, Touristen, jedenfalls weiße, dürfen sie nicht abkassieren.“

Jetzt lachte ich.

„Gut, dass ihr mich habt, he?“

Jane übersetzte und John drehte sich um und zeigte mit dem Daumen nach oben. Na also, es lebte sich gut als weißer Mann in Kenia, aber bei den Eintrittspreisen für Zoos und Nationalparks wiederum nicht, ein seltsames Land. Aber diese kleine Episode vergaßen wir schnell, und die eintönige Fahrt ging weiter durch die fast baumlose Savanne. Doch nach einer halben Stunde erwartete uns eine Überraschung. Die Menge der Zebras im weiten Hintergrund nahmen wir, sogar ich, schon recht teilnahmslos zur Kenntnis.

Zebras gab es anscheinend so viele, wie in den Berliner Parkanlagen Kaninchen. John hielt plötzlich an, wieder leicht dösend, erhob ich mich, und da stand ein Baum am Straßenrand, und eine riesige Giraffe fraß die Blätter der Krone des Baumes. Ich begeisterte mich sofort. Kein Zaun, nichts, eine normale Straße, wir befanden uns noch nicht im berühmten Nationalpark „masai mara“, und eine große Giraffe stand da, als wäre es die selbst verständlichste Sache der Welt, hier mal eben Blätter zu fressen. Auch die Kinder zeigten sich begeistert, denn so oft hatten sie auch nicht eine Giraffe in freier Wildbahn gesehen. Nur John rauchte und ließ uns staunen. Für ihn bedeutete der Anblick nichts Besonderes. Ich gab George den Fotoapparat, und dieser beugte sich weit heraus, um die Giraffe gut ins Bild zu bekommen. Jane lachte vor Freude, weil ich mich freute, und, weil sie spürte, mir gefiel ihr zu Hause, mir gefiel Afrika. Auf dem langen Hals des gewaltigen Tieres entdeckte ich einen kleinen bunten Vogel tanzen, und George versuchte auch diesen ins Bild zu bekommen, das ihm aber nicht gelang, wie ich feststellen musste, als ich mir zu Hause in Deutschland vier Monate später die Dias ansah. So habe ich den Vogel nur im Kopf, er nistet dort und fliegt nie wieder hinaus… Afrika.

Auch für Jane war das nicht ein alltäglicher Anblick, aber sie berichtete, dass auf dieser Straße in Richtung Tansania sehr oft Giraffen auftauchen sollen. Sie erzählte mir, dass sie einst in der Zeitung las, an einer Straßenkreuzung musste ein Bus halten vor vielen, vielen Jahren, und der Busfahrer hatte natürlich sein Fenster geöffnet. Da wäre eine Giraffe vorbei stolziert und hätte mal eben so mit dem Hinterfuß ins Fenster getreten.

„Nein“, sagte ich und staunte, „und was ist passiert?“

Jane lachte.

„Der Busfahrer war sofort tot, sein Brustkorb war Matsch.“

„Doch“, beteuerte sie, „es stand in allen Zeitungen.“

Sie redete mit John auf Kikuyu, wahrscheinlich, ob er sich auch daran erinnere. John bestätigte ebenfalls lachend und drehte sich zu mir um und nickte.

„Sag sofort zu John“, befahl ich Jane, „er soll sein Fenster schließen.“

Wir verhielten uns, wie eine fröhliche Bande und alle lachten, nur Kennedy schaute etwas ängstlich, was es da wohl zu lachen gäbe. Und Kennedy hatte ja recht, lacht man über den Tod eines Menschen, auch wenn es schon so lang her ist? Ja, und das Schönste erschien mir, wie der Druck von Jane abfiel, der doch in Nairobi so auf sie lastete.

Das Tier verhielt sich bei seinem Mahl ungestört und friedlich, dass einem der Gedanke kommen könnte, mal auszusteigen, und es ganz von der Nähe zu sehen und zu berühren. Aber auf die Idee kam auch George nicht, er verließ das Auto nicht, um bessere Fotos zu schießen. Mir gab die Begegnung die Chance für einen Spaß, ich spielte den Spaßvogel.

„Bei so einem langen Hals muss das Bier schmecken.“

Jane übersetzte, alle freuten sich, und ich dachte, ihnen zu erklären, dass diese Bemerkung geklaut war, wäre zu umständlich. Schließlich fuhr John wieder an, und der Anblick der weiten eintönigen Landschaft wiederholte sich. Aber offenbar, dachte ich, selbst, wenn man träumte, geschehen hier nicht vor angekündet wundersame Begegnungen. Wir näherten uns halt dem Reich der Tiere.

Unsere kleine Truppe erreichte das Städtchen Narok, dahinter begann der Nationalpark masai mara, unser eigentliches Ziel. Narok gehörte zum Gebiet der Masai.

Ursprünglich lebte dieser Stamm der groß gewachsenen knochendünnen Menschen in der Gegend vom heutigen Nairobi. Aber schon zur Kolonialzeit wurden sie vertrieben, und hier im Südosten Kenias, an der Grenze nach Tansania angesiedelt.

Afrika 19

Während ich mich in der Sonne aalte, kaltes Guinness trank und rauchte, kam Charles wieder herunter. Er erklärte mir umständlich, dass seine Mama sagte, ich möchte nach oben kommen, ein Mann wäre da. Was das für ein Mann sei, könne er mir auch nicht berichten. Worüber die Erwachsenen zu reden hatten, ging ein zwölfjähriges Kind nichts an, wobei Charles eine kleine Ausnahme machte. Der Junge strotzte nur so vor Neugierde, und wer ihn einigermaßen geschickt ausfragte, bekam jede Information und erfuhr so nebenbei, wie genau er beobachten konnte. Ein paar Tage später erlebte ich, dass in ihm ein kleiner Künstler schlummerte. Ob er aber je zum Erwachen kommt, ich werde es wohl nicht mehr erfahren.

Oben hatte Jane also Besuch bekommen.

Ali Omar, ein Moslem, der Inhaber des Reisebüros, mit dessen Safarifahrzeug wir gestern unsere Tour unternahmen. Heute führte er die Verhandlungen über die große Safaritour, die wir ab morgen planten. Besser gesagt, Jane plante, die Tour sollte drei oder vier Tage in den großen Nationalpark Masai Mara führen. Jane diskutierte lebhaft, natürlich ging es um die Kosten, und Ali tat, als hätte er es mit einem wichtigen Verhandlungspartner zu tun. Er machte hier ein Spiel, ich sah das auf den ersten Blick, aber ich konnte nicht eingreifen. Ali erfüllte ihr alle Wünsche, bis sie keine Hoffnung mehr hatte, aber er das Geld. Die beiden redeten schließlich in einer mir fremden Sprache mit einem Tempo, das mich beeindruckte. Warum ich dabei sitzen sollte, wusste ich nicht. Wenn ich um Aufklärung bat, speiste mich Jane mit ein, zwei kurzen Sätzen ab, um dann wieder ganze Wortkaskaden auf Ali auszugießen. Ali nahm alles mit einer wunderbaren Gelassenheit hin, einem Poker Face, er trank in winzigen Zügen eine Tasse Tee, rauchte nicht. Er war anscheinend ein Asket, ein sehr interessanter Mann. Groß, hager, sein Gesicht eben asketisch, seine Augen blickten sehr wach, aber auch sehr kalt und schätzten den Gesprächspartner, in diesem Fall Jane, sehr genau ein. Er ließ ihr die Genugtuung ein gleichberechtigter Partner zu sein, das war aber in keiner Phase des lebhaften Gesprächs wirklich so. Nebenbei teilte Jane mir in Deutsch mit, dass Ali auch aus dem Slum kam, sie ihn seit den Kindestagen kannte, und er inzwischen einer der anerkannten Millionäre der Stadt Nairobi sei. Keiner wusste genau, wie er es schaffte. Eigentlich gäbe es nur zwei Möglichkeiten, entweder er gewann im Lotto, oder er beteiligte sich an einem Banküberfall. Ihre Augen leuchteten vor Bewunderung. Schöne Legende, dachte ich, und bemerkte, dass Ali verstand, was sie mir erzählte, jedenfalls so ungefähr. Ich hatte ja Zeit genug, ihn zu beobachten, und ich würde auf keine der beiden Möglichkeiten tippen. Ali war ganz einfach clever, und solche Fischlein, wie Jane, wurden dieses Haifischs Beute.

Aber ich fühlte das nur unbestimmt und fand nicht die Gelegenheit, mit Jane darüber zu reden, auch später am Abend im Bett nicht. Alle meine kritischen Einwände ihres ganzen Handelns in Nairobi nahm sie mit ärgerlichem Gesicht auf, und genau gesagt, sie ließ diese Einwände gar nicht an sich heran. Später sagte ich mir, sie knallte einfach durch. So zeigte sich Ali, als der tolle Freund, der ihr half, den Weg aus dem Slum in die bessere Gesellschaft Nairobis zu finden. Doch, das bildete sie sich nur ein.

Sein Alter konnte ich schlecht einschätzen, wenn mal ein sehr kurzes Lachen über sein Gesicht huschte, wirkte er sehr jung. Er besaß eine hellbraune Hautfarbe und müsste also nach afrikanischer Sehweise, als ein schöner Mann eingeschätzt werden. Seine Glatze war entweder sehr glatt rasiert oder echt. Er besaß wirklich einen markanten ausdrucksvollen Kopf. Wobei, auch bei ihm, wie beim alten John die Haut über das Gesicht ein wenig, wie straff gezogenes Pergament wirkte. Beim alten John war dieses fleischlose Gesicht noch weiter ausgeprägt, man konnte auch sagen, die Krankheit weiter fortgeschritten. Und ich fragte mich wieder, ob das ein Anzeichen von Aids wäre, eine eigentümliche Ahnung ohne Beweise. Aber ich sah einige Menschen in Nairobi, auch Frauen mit diesem fleischlosen Gesicht und der Pergamenthaut. Und fast alle besaßen überwache Augen.

Im Internet fand ich die erschreckende Zahl, dass fünfzig Prozent der Einwohner HIV infiziert sein sollten. Wobei ich nicht weiß, wer diese Zahl herausgefunden haben will, und wie. In dieser gärenden Stadt, wo die Slums an allen Ecken wucherten, wie wilde Gewächse, wahrscheinlich strömten täglich Tausende hinzu. Wer nahm denn da die Proben? Mit den Nadeln!

Jedenfalls spielte im folgenden Monat Ali so etwas wie den Mentor Janes. Mir wurde bald klar, er roch das Geld bei Jane und genaugenommen handelte es sich ja um mein Geld. Aber zu der Zeit war ich noch von Liebe blind. Die Abende und Nächte blieben wundervoll, die Betten knarrten, und Jane nahm auch dieses Problem in die Hand, die Matratzen wurden auf die Erde gelegt und wir tobten uns aus. Die Zärtlichkeit wich einer animalischen Lust. Wenn wir nach diesen Umarmungen, wie Ertrinkende, dann die Betten wieder in Ordnung brachten, schließlich sollten die Kinder nichts hören, schlief Jane bald erschöpft ein. Keine Lust mehr und keine Kraft mehr zu längeren Gesprächen, wie in Deutschland, wo auch die Lust sich in die Länge streckte. Jane wurde von Tag zu Tag mehr erledigt, sie schlief nicht mehr mich umarmend, sondern drehte sich auf die Seite und schlief für sich allein, wie ein Spiegel ihrer Tage hier in Kenia. Es kam eine Fremdheit zwischen uns auf. Ich konnte nicht schlafen, setzte mich in die kleine Küche, die Beine hoch auch dem Abwaschtisch, holte mir ein kaltes Guinness aus dem Kühlschrank und rauchte und rauchte. Es brachte mich aus der Fassung, dass die mir so vertraute Jane sich mehr und mehr angewöhnte, alles allein in die Hand zu nehmen, mit anderen ja, da sprach sie, aber ich wurde nur notdürftig informiert oder dem Schein nach gefragt. Jane entpuppte sich in Kenia offenbar zu einer anderen Frau, aber sie litt selbst darunter, so fühlte ich.

Für die Safari hatte sie im Gespräch mit Ali, wie sie mir stolz berichtete, zehntausend Kronen herausgeschlagen, zehntausend weniger zu zahlen. Wie viel denn das sei, fragte ich. Sie rechnete selbst, dreihundert Mark.

Na ja, bei fünf Personen, pro Person sechzig Mark war doch gut, sagte ich, es verhielt sich, wie bei einer Komikerveranstaltung, denn sie dachte gar nicht daran, mir den echten Preis zu nennen, weder den alten noch den neuen, und dass wir nun das Essen selbst kaufen mussten, dass wir in einem Camp der primitivsten Art der Masai übernachten mussten, statt in der gar nicht weit entlegenen schicken Lounge, dass wir in Nakuru uns ein eigenes Hotel suchen und bezahlen mussten, übrigens hundert Mark pro Person, wie sollte ich das vorher wissen. Ali machte ein Schnäppchen. Ja, so veränderte sich Jane zu einer verrückten Jane.

Doch schließlich hatte ich darauf bestanden, dass wir die Kinder mitnehmen.

„Natürlich nur mit den Kindern“, sagte ich, denn wir wollten doch eine richtige Familie werden. Ob wir denn auf einen Ausflug nach Mombasa oder Malindi verzichten könnten. Aber ja, stimmte ich zu, warum nur hatte sie so viel Geldsorgen. Und zu den Victoriafällen plante sie eigentlich auch. money, money, money.

Das können wir alles später mal machen, beschwichtigte ich sie, wo ich nur konnte. Später, wenn wir für immer nach Kenia gehen und hier leben sollten. Das jedoch war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr klar, jedenfalls für mich. Mit der Unaufrichtigkeit beginnt das Ende jeder Liebe. Jane spukten ganz andere Pläne im Kopf umher, denke ich heute. Und sie war sich meiner Liebe so sicher, meine Gutmütigkeit kannte ja keine Grenzen.

Sie redete ohne Unterlass mit Ali, sprang auf und gestikulierte.

In einer kleinen Pause hinein, versuchte ich in meinem schlechten Englisch mit Ali ein paar Worte zu wechseln. Ich fragte ihn, ob Jane nicht mit ihrem Temperament und ihrer Redelust in die Politik gehen sollte. Nächstes Jahr tritt ja bekanntlich der Präsident zurück, und Jane wäre doch ein guter Nachfolger, eine Nachfolgerin, für Afrika, zumindest für Kenia ein Novum. Ali lächelte mir dünn zu, und sagte dann ganz ernsthaft, wohl mehr für Jane bestimmt als für mich, ja, das wäre eine gute Sache für Jane.

Was mich wirklich erschreckte, dass Jane anscheinend den Humor verlor, den ich in Deutschland so an ihr liebte. Fast hatte ich den Verdacht, sie nahm unsere Worte für bare Münze. Und Ali wusste, dass er einen Gegner hatte, den es in seinem Kalkül galt auszuschalten, mich.

Meine Tochter schenkte mir in Deutschland einen dicken Reiseführer über Kenia, sozusagen, als vorfristgemäßes Weihnachtsgeschenk. Darin las ich, dass sich ein kleiner Nationalpark direkt vor Nairobi befand, in dem man auch viele Tiere bewundern konnte. Nun, da ich mich ja gar nicht als Tourist fühlte, ich wollte die Familie kennen lernen, schlug ich den beiden, als Alternative, einen Ausflug für einen Tag in diesen Park vor. Ich bekam den Eindruck, beide nahmen meinen Vorschlag gar nicht zur Kenntnis. Warum, wusste ich anfangs nicht.

Grundsätzlich beschlich mich das Gefühl, was ich auch sagte, Jane interessierte es nicht. Sie machte ihr Ding allein mit meinem Geld. Wie oft hatten wir in Deutschland gesprochen, wie wir die schwere Aufgabe angehen wollen, nämlich gemeinsam Hand in Hand. Wie Mann und Frau den Kern einer Familie bilden. Was passierte hier? Der Reiseführer war gut, und ich glaubte nicht, dass darin die Unwahrheit stand. Ali konnte ich noch am besten verstehen, Ali wollte ein gutes Geschäft machen, aber Jane? Meine Güte, ich wollte nie eine Sklavin, und Jane ist auch alles andere als der Typ dafür, aber in Deutschland sprach sie vom Respekt, den die Frau dem Mann, die Kinder dem Vater entgegen bringen müssen. Ich erwiderte damals immer, ich wünsche mir einen gegenseitigen Respekt, ich möchte Respekt vor meiner Frau haben – und auch vor den Kindern. Und sie fand es gut – in Deutschland. In Kenia musste ich sagen, je weniger Respekt sie mir entgegen brachte, je weniger empfand ich für sie. Gut, die Sprache blieb ein großes Hindernis. Aber, als dann die große Auseinandersetzung kam, fand ich einen Moment, wo sie vielleicht zuhörte. Und da sagte ich, eine Stunde am Tag nur wir beide, und Jane hätte mir alle Probleme erzählt, hätte mir die Kontoauszüge gezeigt, und wir hätten gemeinsam beraten für den nächsten Tag. Denn sie beherrschte ja gut die deutsche Sprache. Es wäre anders gekommen.

Will man in die City fahren, brauchte man ein Taxi. Ich sah am Hotel uralte englische Modelle, in denen man sich hinten in zwei Reihen gegenüber setzen kann, mit einer Glaswand zwischen Fahrer und Fahrgäste. Große schwarze Fahrzeuge, die Kenner wissen, wie sie heißen. Ich fand diese wunderschön, sie erinnerten mich an alte Filme von Hitchcock. Aber sie hatten ihren Preis. Die Fahrer warteten, saßen zusammen und schwatzten, sie warteten natürlich hauptsächlich auf weiße Fahrgäste, da man die Preise schön in die Höhe treiben konnte.

Doch Jane wusste in diesem Fall Bescheid. Hundert Meter unterhalb auf dem Bürgersteig, der ja kein Bürgersteig darstellte, wie wir ihn in Deutschland kannten, sondern festgetrampelte mit Kuhlen übersäte Erde, gleich daneben ein Graben, in dem manchmal stinkige Abwässer rinnselten, standen Taxis. Schrottautos, aber sie waren fahrbereit und billig. Die Menschen gingen hier fast alle auf die Straße, ungeachtet des Autoverkehrs.

Nun hatte mir ein afrikanischer Freund in Berlin den Ratschlag gegeben, in Nairobi den Menschen in die Augen zu sehen, in die Gesichter, ob sie einen offenen ehrlichen Eindruck machten, ich sollte auf die Art, wie sie sprechen achten, und auf dieses Gefühl vertrauen. Es gab viele, die besaßen falsche Gesichter und falsche Augen Das galt für ganz Kenia, aber insbesondere für Nairobi, wo die alte und neue Welt zusammen stießen: auf das Mittelalter die moderne Zeit. So bat ich Jane, dass ich den Fahrer auswählen könnte. Sie stimmte zu, wenn auch widerwillig, sie war nicht überzeugt, dass ich das konnte. Ich sah einen jungen Burschen, der lachte offen, hatte einen intelligenten Blick, ein schöner Mensch.

„Wir nehmen ihn.“

Und das Verhandeln begann. Sobald man sich für einen entschieden hatte, wurde man von den anderen gar nicht weiter beobachtet. Es war klar, wir hatten unsere Wahl getroffen, was wir verhandelten, ging die anderen Fahrer nichts an. Das gleiche galt übrigens auch für die Mädchen im Lokal des Hotels. Sie hielten sich diskret im Hintergrund und schwatzten, wer weiß, über was, wenn sich dann einer der weißen alten Rentner für eine von ihnen entschieden hatte, störten sie nicht die junge Liebe.

Ich glaube, afrikanische Männer unterhielten sich gern über Politik. Das hatte ich schon an anderer Stelle und zu anderen Zeiten beobachtet. Gehe man in Berlin nach Kreuzberg oder in den Wedding, in den türkischen Cafés sitzen die Männer, trinken Tee – und debattieren. Es scheint ein Muster der Gesellschaften zu sein, in den Frauen und Männer nicht gleichberechtigt sind, vielleicht besser gesagt, sich nicht vormachen, gleichberechtigt zu sein. Hier in Afrika stellte ich das erste Mal bei den Taxifahrern dieses Merkmal einer eigentlich doch noch archaischen Gesellschaft fest. Das Schwadronieren der Männer ist in Resten in den Stammtischgesprächen der kleinen Männer über die große Politik in unserer Gesellschaft erhalten geblieben. Nur, inzwischen beteiligen sich daran auch Frauen, sie sind halt gleichberechtigt. Aber immerhin, in unserer Gesellschaft helfen die Männer bei der Küchenarbeit, das ist in Kenia nicht der Fall.

Man musste den Preis für eine Taxifahrt vorher aushandeln. Vierhundert wollte unserer von mir erwählte Fahrer haben. Jane handelte ihn auf dreihundert herunter. Das waren ungefähr neun Mark. Die Fahrt in die City bedeutete keinen langen Weg, aber es war heiß, weil der Himmel sich wolkenlos zeigte. Sobald Wolken aufzogen in Nairobi, war es sogar kühl, aber nicht an diesem Tage. Das Gute an den Taxifahrern bestand darin, dass sie warteten, egal, wie lange es dauerte, alles im Preis inbegriffen. Und mit Jane in die große Einkaufshalle zu gehen, bedeutete mindestens zwei Stunden.

Das Taxi machte den Eindruck, als wenn es gleich auseinander fiele. Aber es fuhr trotzdem sehr schnell, atemberaubend schnell. Am abenteuerlichsten wurde die Fahrt durch den Kreisverkehr unterhalb der Millimani-Road, in der sich unser Hotel befand. Jeder, der durch Nairobi wollte, musste über diesen Kreis, in dem fünf Straßen mündeten. Eine Vorfahrtregel schien es nicht zu geben. Aber ich begann zu verstehen, wer die Vorfahrt erhielt, nämlich derjenige, der das zerbeulteste Auto fuhr. Ein großer nagelneuer schwarzer Mercedes mit verdunkelten Scheiben schob sich Stück für Stück in den Kreis. Es konnte ja sein, der Präsident saß darin. Unser Taxifahrer streckte seinen Arm weit aus dem Fenster und winkte mit der Hand dem unsichtbaren Mercedesfahrer zu, so als wollte er sagen: „du warte man schön, dein Auto soll doch keine Beule bekommen, meins hat so viel Beulen, da kommt es auf eine mehr nicht drauf an“ und drängelte sich vor den Mercedes, der sich doch schon fast auf dem Kreis befand. Er drängelte sich ungeniert vor, und – der Fahrer des Mercedes ließ ihm die Vorfahrt. Am schönsten empfand ich das fröhliche Lachen des Taxifahrers bei diesem Manöver.

Vor dem großen Einkaufszentrum standen unzählige Taxis. Unser Fahrer entdeckte natürlich dazwischen noch eine Lücke. Er versicherte uns noch einmal, er warte auf jeden Fall, egal wie lange, dreihundert Kronen. Ich sagte ihm, dass wir ihn in Zukunft immer nehmen werden, wenn wir mit einem Taxi fahren wollen. Jane sah mich erstaunt an. Auf dem Weg, den wir noch zu Fuß zurücklegen mussten, sprach ich zu ihr:

„Ja, Jane, vielleicht unterschätzt du mich, ich habe schon viel begriffen. Denk mal daran, wie schnell du in Deutschland viel begriffen hast.“

Jane stimmte mir da zu. Als Außenstehender in eine andere Gesellschaft kommend, sieht man manchmal mehr, als der, der in ihr lebt. Wir hatten vielleicht noch einen Weg von hundert Meter zurückzulegen. Natürlich wusste ich schon vom Erzählen Janes in Deutschland, dass die City von Nairobi die Hölle war. Wenn Jane zum Beispiel ihre schönen goldenen Ohrringe dort tragen würde, würde garantiert, wie aus dem Nichts jemand auftauchen, ihr die Ohrringe herausreißen, egal, was für Wunden er ihr beifügte, und er würde wieder im Nichts verschwinden, sie hätte keine Chance. Auf der Wegstrecke lungerten tatsächlich sehr viele Menschen einfach so herum, vor allem junge Männer, zum großen Teil zerlumpt. Es handelte sich um Diebe und vor allem, das hörte ich von ihr, die gefährlichsten, die Straßenkinder, halb verhungert und bekifft von irgendwelchen billigen Rauschmitteln, die sie rauchten, und die wahrscheinlich einen normalen Europäer töten würden. Jane sagte mir, wenn da zwanzig Kinder plötzlich um dich herumstehen, hast du keine Chance und ganz schnell mal ein Messer im Bauch. Später, erfuhr ich, dass Jane die Gefahr sehr übertrieben hatte. Sie wollte mir Angst machen und wahrscheinlich das Gefühl geben, ich hätte ihren Schutz nötig. Wochen danach lief ich mit meinen ugandischen Freunden, und manchmal sogar allein, langsam und ruhig durch die City. Natürlich, man musste möglichst alte Jeans tragen und nur ein T-Shirt, und das Geld irgendwo am Körper verstecken. Es liefen ja auch viele, viele Polizisten, meistens private Angestellte der Banken oder eben des Einkaufszentrums herum, demonstrativ große Gummiknüppel haltend, manchmal auch solche eigenartigen Gummipeitschen, ich nannte sie immer „Nilpferdpeitschen“. Und wenn ein Weißer, ein mzungu, wie ich auftauchte, hatte man mit Sicherheit einen von diesen Wachmännern als „Schatten“.

So gelangten wir in die große Einkaufshalle.

Das kannte ich schon von Deutschland. Das ist eben wohl ein internationales Merkmal aller Frauen dieser Welt. Während der Mann sich vorher überlegt, was er kaufen will, und sein einziges Problem darin besteht im Supermarkt, wie es in Deutschland heißt, diese Sachen so schnell, wie möglich zu finden, um endlich diese Einkaufshölle zu verlassen, ist es bei den Frauen ganz anders, sie befinden sich nicht in der Hölle, sondern im Himmel. Immer wieder kommen ihnen neue Ideen, die ursprünglich vorher geplanten Waren gegen andere einzutauschen, vielleicht noch dieses oder jenes dazu zu nehmen, irgend eine Sache zu betasten und zu begutachten, eventuell für das nächste Mal, kurzum sie fühlen sich pudelwohl, und der Mann leidet, wie eine geschundene Kreatur. Jane kaufte in Nairobi anders ein, als in Berlin. Hier in Nairobi zählte nur noch der Preis, und sie konnte lange suchen, bis sie unter den Trinkwasserbehältern den billigsten fand. Ich packte ein wenig Luxus dazwischen, zum Beispiel kleine Trinkkartons mit Strohhalm, der Saft schmeckte den Kindern besser, obwohl Jane Recht hatte, der gemischte Saft aus Trinkwasser und Sirup erfüllte auch seinen Zweck.

Wir kauften sogar einen Fernsehapparat mit eingebautem Videorecorder. Und wir entschieden uns für einen kleinen, relativ preisgünstigen Apparat. Mehrere Verkäufer, alle junge Männer in braunen Kitteln, standen abwartend herum, ohne uns beim Aussuchen zu stören. Aber sofort kam einer herbeigeeilt, dem Jane zuwinkte und erklärte, wir möchten einen Apparat dieses Typs kaufen. Er holte noch drei Kollegen, die ein verpacktes Gerät aus dem Lager brachten, und es in einer Art trugen, als handle es sich um ein rohes Ei. Sie öffneten das große Paket und führten uns den Apparat vor, die Qualität zeigte sich als hervorragend, schon wollten sie es wieder einpacken, da wies ich Jane darauf hin, dass auch die Funktion des eingebauten Videogerätes überprüft werden musste. Jane sagte es dem ersten Verkäufer, ich verstand ja kein Wort, denn sie sprachen in Suaheli. Nun setzte eine lebhafte Diskussion zwischen den Vieren ein, Jane kicherte. Ich ließ mich aufklären.

„Sie haben Problem“, sagte sie in ihrem Humor, den ich aus Deutschland kannte, „sie haben kein Video.“

Ich mischte mich ein.

„Matata?“, fragte ich, eine der wenigen Suaheli-Worte, die ich kannte, Problem? Ich sprach gern Suaheli, nur leider beherrschte ich es nicht.

„Hakuna matata, hakuna matata“, wehrte der Verkäufer ab, kein Problem. Sie holten einen fünften dazu, er war offenbar der Chef der Abteilung, denn er trug keinen Kittel, sondern einen schwarzen Anzug mit Schlips und Kragen. Ruhig hörte er sich die aufgeregten Erklärungen an, um schließlich in knappen Worten zu antworten.

Wieder bat ich Jane um Aufklärung.

„Er weiß, wo Video“, sprach sie. Wir amüsierten uns königlich. Schließlich war Jane fünf Jahre in Deutschland und nicht in Kenia. Gleich zwei der Kittelmänner rannten los, und kamen nach langer Zeit zurück.

„Ich denk mal“, redete ich zu Jane, „sie haben das Video aus irgendeinem anderen Laden geholt.“

Alles lief perfekt ab. Jane beharrte darauf, zu sehen, wie sie das Gerät einpackten. Dann gingen wir mit einem Verkäufer zur Kasse, wir hatten ja sowieso einen riesengroßen Einkaufskorb, voll gefüllt, bis zu einem Berg mit Lebensmitteln. Zuerst tippte der Kassierer mit sehr großer Gelassenheit und Langsamkeit die Preise der Waren ein. Wir hatten nichts zu tun, das Einpacken in riesige und stabile Plastiktüten besorgten zwei Kittelmänner, nun las der Kassierer von einem Zettel, den ihm der wartende Verkäufer neben ihn hinhielt, den Preis des Fernsehgerätes und tippte diesen ein. Endlich erschien der Endpreis auf der doch immerhin sehr modernen Kasse mit Digitalanzeige, dazu aber ein Text, den ich natürlich nicht verstand. Eine Diskussion zwischen dem Kassierer und Jane kam auf.

„Was ist los?“, fragte ich Jane.

„Der Peis ist zu hoch, Kasse nimmt nur Geld an bis eine Grenze.“

„Warum denn das?“

Sie sah mich mit einem Blick an, der bedeutete, warum verstehst du das nicht? Ist das alles seltsam, dachte ich bei mir und unterdrückte ein Kichern.

„Das ist wegen Sicherheit.“

„Aha.“

Der Kassierer nahm nun einen Block und Stift, beides lag neben der Kasse bereit, schrieb die Summe von der Digitalanzeige ab und löschte den eingegebenen Preis. In der Folge rechnete er ganz altmodisch, schriftlich und teilte die große Summe in zwei Hälften. Diese nun halbierten Summen tippte er wieder einzeln ein, und jedes Mal bezahlte Jane. In ihrer Hosentasche hatte sie das dicke Geldbündel, zweimal bezahlte sie dieselbe Summe. Nun schrieb der Kassierer einen extra Zettel aus, das handelte sich aber um ein vorgedrucktes Formular. Mit diesem gingen wir zurück zu einem Stand, der wirkte wie eine Theke. Dahinter hielt sich ein Mann auf mit Anzug und Schlips, ein höherer Angestellter des riesigen Einkaufscenters. Er prüfte das Formular und schrieb offenbar den Garantieschein aus. Gleichzeitig brachten zwei der Kittelmänner das verpackte Gerät herbei. Jane, den Garantieschein in der Hand, ging zu dem Karton und trat zweimal mit der Fußspitze dagegen.

Jetzt wurde mir die Sache zu absurd. Ich fing an zu lachen.

„Warum trittst du gegen den Karton?“

Jane wurde richtig ärgerlich.

„Du verstehst auch nichts von Kenia. Da könnten Steine drin sein. Das merk‘ ich, wenn ich dagegen trete.“