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Bücher

IMGP0021

Taschenbücher von Harald Timm, veröffentlicht bei amazon self publishing, nicht Mitglied irgendeines „Literaturbetriebs“, Hobbyautor und Rentner mit Katze.

Bürger eines verschwundenen Landes im Exil,  ohne Heimat, jedoch gut versorgt mit allem, was es braucht zum Leben.

Franz Summer, ein Pseudonym nur für dieses Blog, sucht keine Anhänger und ist nie selbst Anhänger von wem oder was auch immer.

Afrika (3) 11

„Ich möchte zu dir in den Slum kommen und deine Kinder sehen.“

„Ja“, antwortete Aida, „wir machen das, und meine Brüder und Freunde sollst du auch kennen lernen.“

Lange saßen wir dort, die halbe Nacht. Plötzlich lachte ich und Aida schaute fragend.

„Erst fragte Karla mich, ob ich ihre Zweitfrau werde, und jetzt wirst du meine Zweitfrau.“

Aida schmiegte sich an.

„Ich liebe dich wirklich, du bist ein guter Mann.“

Ein zweiundfünfzigjähriger Mann und eine achtundzwanzigjährige Frau saßen dort, wie Romeo und Julia. Die Luft war lau, und am Himmel standen die Sterne, als hätte jemand sie für sie dorthin gestellt.

„Und wirst du auch ohne Geld mit mir schlafen?“, fragte ich.

„Ja, das werde ich tun“, sagte Aida.

Und wir verabredeten uns für die nächste Nacht. Zum Abschied aber schenkte ich Aida meinen weißen Tropenhut, den auf der Safari die Kinder Janes so gern trugen. Aida stand dieser Hut wunderbar. Doch für mich war das auch eine symbolische Handlung.

Eigentlich bin ich nach Kenia geflogen, weil ich nicht mehr leben wollte, weil meine Frau sich das Leben genommen hatte. Ich wollte nur noch anderen helfen, denen es schlechter ging auf dieser Welt. Ja, ich sah keinen Sinn mehr in meinem Leben. Und plötzlich, als alter Mann begegnete mir die Liebe, wie ich es nicht für möglich hielt.

Ja, dann hatte Kenia mich wohl geheilt. Ja, meine Frau konnte es nicht begreifen, dass meine Kraft nicht ausreicht, immer nur für sie da zu sein. Dann traf ich Jane, und sie erzählte ihr ganzes schreckliches Leben. Gleichzeitig aber spielte sie mir eine große Liebe vor. In Deutschland war sie auch für mich da, ich liebte auch. Endlich eine Frau, die nicht von Depressionen heimgesucht, sich selbst und die ganze Welt hasst. Eine Frau wie Jane, die mit mir lachte und anscheinend so unbekümmert war.

Und wieder wollte ich helfen, und wieder bin ich gescheitert. Jane wurde in Kenia auch eine depressive Frau. Und Aida, lebte ich wieder nach diesem Muster? Ich wusste es noch nicht, Aida war in der kenianischen Welt zu Hause und offenbar nicht depressiv. Und ich war total verliebt. Ich sah in Aida die schönste Frau, die mir je im Leben begegnet war. Und diese Frau sagte: ‚ich liebe dich’. Ich wollte nicht mit Aida schlafen, weil ich darauf aus war, mit so einer schönen Frau zu schlafen. Ich wollte herausfinden, ob sie mich wirklich liebte. Meine Tochter hatte sich in Deutschland von mir abgewendet, sie führte ihr eigenes Leben mit ihrem Mann. Sie war erwachsen. Aida hatte zwei kleine Kinder, ich wollte herausfinden, ob ich in Kenia mit Aida und ihren Kindern leben kann. Die Familie von Jane war einfach zu groß, ich fühlte mich dieser Familie nicht gewachsen, jedenfalls nicht mit so einer Jane an der Seite. So schlug mein Herz für Aida.

Am nächsten Abend hielt ich mich natürlich im Restaurant auf. Zu George sagte ich, er möchte früh ins Bett gehen, denn ich erwarte noch Besuch. Aber im Restaurant sah ich keine Aida. Langsam trank ich mein Bier und wartete. Und so nach und nach wurde ich traurig. Aida hatte mich sitzen lassen. Das Restaurant war in diesen schönen Sommernächten bis um ein Uhr geöffnet. Um elf Uhr abends schwand meine Hoffnung dahin. Plötzlich setzte sich ein Mädchen an meinen Tisch:

„You wait of Aida?“

“Yes”, antwortete ich, “but she is not here.”

“She comes”, sagte das Mädchen, “she comes. Wait.”

Dann verschwand sie wieder. Ich trank noch ein Bier. Es ging schon auf Mitternacht zu. Doch dann bezahlte ich und ging.

Vor dem Eisentor der Wohnanlage führte eine kleine Auffahrt hoch, an den Seiten befand sich ein Sims und dahinter Büsche. Ich setzte mich auf einen Sims und beobachtete das Lokal und rauchte. Noch war es nicht geschlossen, wenn auch nur noch wenige Gäste darin sich aufhielten. Ich fühlte mich sehr allein in Afrika.

Da hielt plötzlich ein Jeep vor dem Restaurant, und ich sah eine Person aussteigen, die trug einen weißen Tropenhelm, sie trug meinen Tropenhelm.

Ich stand auf und ging zur Straße am Anfang der Auffahrt zur Wohnanlage. Und Aida kam aus dem Restaurant heraus, ihr Blick suchte, und sie sah mich. Der Rest war Hollywood. Ich lachte. Sie kam auf mich zu. Ja, und der Jeep fuhr ab.

Aida kam über die Straße und lachte mich an.

„Your are coming?“

“Yes, I say, I come.”

“Du bist gekommen?”

„Ja, ich sagte doch, ich komme.“

Wir küssten uns. Ich nahm sie an die Hand. Der Nachtwächter grinste verständnisvoll und bekam seine einhundert Schilling. Vorgestern kam ich mit Karla, und heute schon wieder eine andere.

Die Wohnung war leer, wenn man von den Kinderzimmern absieht, die ja verschlossen waren. Ich führte Aida ins Elternzimmer. Sie setzte sich auf das Bett und schaute mit großen Augen umher. Plötzlich sagte sie:

„Ich habe Angst.“

„Du brauchst keine Angst haben, Jane kommt erst am Freitag, und ihre Kinder schlafen. Ihr großer Sohn weiß Bescheid, er verrät nichts.“

Da stand Aida auf und begann die Schränke zu öffnen. Sie sah die zahlreichen Kleider Janes. Auf einmal hielt sie Janes BH in der Hand und sah mich fragend an.

„Das ist Janes BH“, sagte ich und lachte.

„Und was ist das?“

Sie wies auf die Polsterung. Ich erklärte, so gut ich konnte, dass es in Deutschland BHs gibt für Frauen, die nicht so viel Brust haben, die Polsterung dient der Täuschung. Mit einer verächtlichen Handbewegung warf Aida den BH zurück in den Schrank.

„Ich mache uns was zu essen“, sagte ich, „bleib hier und warte.“

Ich ging in die Küche und machte schöne Schnitten fertig, mit Käse und Wurst. Auf einmal stand Aida neben mir und schaute zu. Scheinbar war ihre Angst verflogen.

„Soll ich einen Kaffee kochen, oder möchtest du Bier trinken?“

„Kaffee“, sagte Aida.

Sie sah sich auch gründlich in der Küche um. Dann gingen wir zurück ins Elternzimmer.

„Siehst du“, sagte ich, „ich verriegle die Tür, da kann keiner reinkommen.“

Aida lachte. Und auf einmal merkte ich, Aida war betrunken. Na klar, überlegte ich mir, sie war mit Freunden unterwegs feiern. Ich lachte auch.

„Komm, nimm erst einmal ein Bad.“

Aida räkelte sich in der Badewanne. Dann trocknete ich sie behutsam ab. Der Teller mit den Schnitten und der Kaffee standen noch unberührt auf der Erde. Und dann ging Aida nackt durchs Zimmer. Vor dem großen Spiegel blieb sie stehen und betrachtete sich selbst. Ich sah ihr zu. Noch nie sah ich eine so vollkommen schöne Frau. Sie bewegt sich, wie ein wildes Tier, dachte ich und war fasziniert.

Und Aida legte sich ins Bett, und ich legte mich dazu. Sanft streichelte ich sie. Sie legte ihren Kopf auf meine Brust und – schlief ein. Ich wartete. Mir war gar nicht nach Schlafen zumute. Ganz vorsichtig stand ich wieder auf, deckte Aida zu und stellte mich ans Kopfende. Ich strich ihr über die Haare. Aida öffnete noch einmal die Augen, lächelte zärtlich und glücklich, und dann schloss sie wieder die Augen.

Sie schlief.

Ich ließ mich auf den Fußboden nieder, lehnte den Rücken an eine Schranktür, sah Aida beim Schlafen zu und wartete. Ich aß eine Schnitte, trank einen Schluck Kaffee und rauchte. Ich wartete und wartete. Und die Zeit tröpfelte dahin, Minuten wurden zu einer Stunde. Ich wartete. Plötzlich hörte ich ein Geräusch. Was war das? Ein kleines Schnarchen kam aus dem Bett, Aida schnarchte. Ich lachte. Noch nie hörte ich jemand so lieblich schnarchen, ganz leise, wie ein Kind.

Das ist wahrscheinlich die verrückteste Situation, die ich je erlebte, dachte ich, ich geh hier mit Aida aufs Zimmer, um Sex zu machen, und sie schläft mir ein. Nun wusste ich aus der Slumburg von Mama Jane, dass die Menschen im Slum nie allein in einem Bett schlafen, dass die Räume klein waren und keine Fenster hatten. Und ich verstand Aida. Sie war jung, sie konnte sich nicht den ganzen Tag im Slum aufhalten. Andere junge Leute feierten irgendwo eine Party, einer besaß sogar einen Jeep. Aida war vielleicht willkommen, denn sie konnte so gut tanzen, konnte so herzlich lachen. Was wusste ich von Aida, sie war lebenshungrig, hatte genug Elend erlebt. Aber bei Geld hört selbst in Deutschland jede Freundschaft auf, vielleicht war Aida nur geduldet. Ich sann und rauchte, und die Zeit verstrich. Ich schaute auf die Uhr, sie ging inzwischen auf drei. Ich musste Aida wecken.

Vorsichtig rüttelte ich sie.

„Aida?“

Sie knurrte ein wenig und drehte sich um. Inzwischen müsste sie doch nüchtern sein, dachte ich.

„Aida, it is late, the morning come and the children go in the school.“

Endlich setzte sich Aida noch halb im Schlaf hoch. Ich hielt ihr den Teller mit den Weißbrotschnitten hin. Aida nahm sich eine, klappte sie auf, und besah sie. Es kann sein, sie hatte noch nie eine Schnitte mit Wurst und Käse belegt gegessen. Aida machte einen knurrigen Eindruck. Sie biss ab, ihr Gesicht konnte ich lesen, wie ein Buch. Das schmeckt ja gut. Sie stopfte sich die Schnitte in den Mund und griff zur nächsten. Sie aß hintereinander den ganzen Teller voll Schnitten. Ich lachte und reichte ihr den Kaffee. Sie trank einen Schluck.

„Hast du auch Bier da?“

„Aber klar“, sagte ich lachend und holte aus der Küche kaltes Bier. Glucksend trank Aida das Bier. Und wie ich das kannte, als ich in jungen Jahren öfter mal betrunken war, sie hatte Brand, der gelöscht sein wollte.

Aida saß im Bett, wie eine schöne Statue.

„Zigarette?“

Ich reichte ihr eine Zigarette. Beim Rauchen glätteten sich die Gesichtszüge Aidas, langsam schien ihr zu dämmern, dass ich auf dem Fußboden ihren Schlaf bewacht hatte. Sie drückte die Zigarette aus, öffnete ihre Arme und sagte:

„Komm her zu mir.“

Im Aufstehen zog ich mich aus, nur den Slip behielt ich an. Dann küssten und wälzten wir uns im Bett, und eine große Erregung kam über mich. Erst jetzt zog ich den Slip aus, und mein Küssen und Streicheln erregten Aida. Und sie bäumte sich voller Leidenschaft auf, als es geschah.

Mindestens zehn Minuten suchten wir Aidas Hose, bis ich diese endlich auf dem Fensterbrett hinter dem Vorhang fand. Aida war total konfus und vor zwei Stunden total blau. Doch sie beruhigte sich schnell.

„Gibst du mir wenigstens das Geld fürs Taxi?“

Sie sprach ganz leise.

„Wie viel kostet denn das Taxi?“

„Tausend Schillinge.“

Ich zog die Schreibtischschublade auf und holte unter dem Schreibblock einen tausend Schilling Schein. Natürlich sah Aida mit einem Blick, dass ich noch viele Scheine in der Schublade hatte. Sie sagte:

„Ich habe dir gezeigt dass ich dich liebe, und du, und du…“

Ihre heisere Stimme brach im verzweifelten Ton ab. Oh, wie ich sie verstand, aber ich blieb hart.

„Without money.“

So war es ausgemacht.

Jane hatte neben dem Spiegel ein kleines Tischchen zu stehen mit vielen kleinen Flaschen voll Parfüm, Dosen von Schminke und all das Zeug. Aida ging zu dem Tischchen und untersuchte dieses Angebot an Kosmetik aus dem fernen Europa. Sie roch an den Fläschchen und Dosen. Und plötzlich steckte sie ein Parfümfläschchen ein. Dabei sah sie mich mit einem wirklich finsteren Blick an. Dieser Blick besagte: ‚Sag jetzt kein Wort.‘ Ich unterdrückte ein Kichern.

Es war schon zwischen vier und fünf, als ich den Wachmann wachrüttelte. Er schlief fest.

Wir standen uns gegenüber auf der Straße.

„Please, come in the restaurant after the coffee time.“

„Yes”, antwortete Aida. Und sie senkte den Kopf und sagte ganze leise:

„And thank you for the money for the taxi.“

Ich hätte weinen können, als ich ihr nach sah, wie sie über die Straße ging zum Hotel, wo immer Taxis stehen. Es war eine ganze Menge Resignation in ihrer Stimme, und sie drehte sich nicht um. Wie oft hatte sie es schon erlebt? Immer wieder diese Hoffnung auf einen weißen Mann, keine Aidsgefahr, wie lange konnte sie es noch machen?

Am Tage nach dem Kaffee am Nachmittag schaute ich mir die Augen aus. Ich sah keine Aida. Ich fuhr vor dem Kaffee trinken in die Stadt, Geld holen. Am Pool schrieb ich für Aida ein Gedicht. Ja, ich man schrieb eigentlich mehrere Seiten und genau genommen, nur: Ich liebe dich. Ich übersetzte mit Hilfe eines Wörterbuches das Gedicht in Suaheli. Dann steckte ich es in einem Briefumschlag und legte zwanzigtausend Schilling hinein. Ich wollte ihr zeigen, dass, wenn sie so großzügig mir Liebe ohne money gab, ich ihr auf meine Art danach auch Liebe zeigte. Am nächsten Tag sollte Jane zurückkommen, und so sicher war ich mir nicht, dass sie auf meinen Vorschlag mit einer Zweitfrau eingehen würde. Und obwohl ich Aida über alles liebte, wenn Jane „nein“ sagen würde, würde ich auf Aida verzichten. So hatte ich es auch mit ihr abgesprochen. Ich ging in den Innenraum und sprach mehrere Mädchen an.

„Please, you must help me, this is a love story, I want see Aida in the evening.”

Endlich fand ich eine Schöne, die wusste, wo Aida lebte. Ich versprach ihr, tausend Schilling zu schenken, wenn sie mir half, Aida zu finden. Da lachte das Mädchen.

„Aida is my friend, when you say, this is a love story, than you must me no give money.”

Afrika: Die Menschen sind in Not, jeder Schilling ist wichtig, und dann sagte dieses Mädchen solche Worte. Wenn eines Tages die Not über Deutschland kommt, werden die Menschen sich dann auch so verhalten? Ich weiß nicht, vielleicht macht die Not erst die Menschen so. In Deutschland, gerade in Berlin, leben viele junge Menschen arm, obdachlos, oder in besetzten Häusern, sie verachten den Konsum.

Am Abend saß ich wieder in meiner Ecke und wartete. Von Aida war nichts zu sehen. Mich packte die Unruhe. Vielleicht, so dachte ich, meinte Aida, sie hätte einen Fehler gemacht. Vielleicht war alles aus und vorbei. Da kam das Mädchen, ihre Freundin zu mir und sagte:

„Wait, Aida want coming, but her baby is sick.”

“But she comes?”

„Yes.”

Da lehnte ich mich zurück und freute mich. Aida wird kommen. Ich werde ihr zeigen, wie ich sie liebe. Und ich zog sich meinen Hut tief ins Gesicht, trank mein Bier. Zwei, dreimal kamen andere Mädchen und sprachen den einsamen Europäer an, sie witterten ein Geschäft. Ich grinste nur, ich sagte jedes Mal:

„Today I want to be blue.”

Das bedeutete auch ein sicheres Mittel, sich die Mädchen vom Hals zu halten. Man äußerte mit dem Wunsch, sich zu besaufen, den Wunsch, allein zu sein. Und das wurde akzeptiert. Nicht jeden Tag ist einem Manne nach Sex zumute.

Aber in Wirklichkeit trank ich sehr langsam mein Bier. Und so nach und nach bekam ich das Gefühl, man vergaß mich hier in der Ecke aus Stein gehauen. Plötzlich stand sie da. Sie trug meinen weißen Hut, ich hatte noch einen zweiten. Aida schob den Hut nach hinten und sagte:

„Du wolltest mich sehen?“

Sie fiel mir nicht um den Hals, sie küsste mich nicht. Aida war ernst.

„Ich habe so auf dich gewartet.“

„Mein Baby ist krank.“

Nichts an Aida war Verstellung.

„So kannst du nicht lange bleiben?“

„Nein, aber meine Freundin sagte, es wäre wichtig, du wolltest mich unbedingt sehen.“

„Ja“, sagte ich, „morgen kommt Jane zurück, und alles hängt davon ab, wie sie reagiert, willst du immer noch meine Zweitfrau werden.“

Ich lächelte. Und endlich lächelte Aida auch.

„Ja, das will ich“. Yes, I want.

Ich zog den Brief aus meiner Brusttasche.

„Ich habe dir einen Brief geschrieben.“

Zögernd nahm Aida den Brief entgegen. Sie steckte ihn in ihre Handtasche.

„Du musst ihn unbedingt allein lesen, es darf keiner sehen, was darin steht.“

„Yes“, sagte Aida, und sie nahm mein Bier und trank einen Schluck aus meiner Flasche. Das war nicht üblich, und mich machte es glücklich, als hätte sie mir einen Kuss gegeben. Aida saß und wartete.

„Du möchtest gern wissen, was drin ist?“, fragte ich. Aida nickte.

„Dann geh auf die Toilette, aber bleib allein, vergiss das nicht.“

Und Aida ging. Ich wusste, welche ungeheure Summe ich in den Umschlag gesteckt hatte. Im Durchschnitt verdiente ein Kenyaner so viel Geld in einem halben Jahr. Und wieder wartete ich. Endlich kam sie zurück. Sie lächelte nicht, sie fiel mir nicht um den Hals, kein Freudentanz, sie sah mich sehr ernst an, als wolle sie mich ergründen. Ich begann ganz harmlos.

„Konntest du den Brief lesen?“ Als ginge es um mein Gedicht.

Aida lächelte dünn.

„Einige Worte, aber mein Bruder wird mir helfen, du hast auf Suaheli geschrieben.“

„Ja, mit einem Wörterbuch.“

„Gib mir bitte eine Zigarette“, sagte Aida. Sie rauchte und wirkte sehr nachdenklich.

„Es ist sehr viel Geld“, sagte ich.

„Ja, sehr viel.“

„Weißt du“, bemerkte ich, „es ist auch für mich viel Geld, ich bin kein Millionär oder ein reicher Mann.“

„Ich weiß“, sagte Aida, „du bist krank und bekommst nur die Rente. Warum hast du mir so viel Geld gegeben.“

Ich antwortete.

„Dieses Geld ist nichts dagegen, was du mir geben hast gestern Nacht, Liebe ohne Geld. Dieses Geld soll auch bedeuten, ich möchte mich entschuldigen für das, was dir diese beiden weißen Männer angetan haben, ich bin auch ein weißer Mann.“

Und Aida nickte ernst. Ich hatte die richtigen Worte gefunden. Sie nickte, und sie war in diesem Moment keine Prostituierte. Wenn ich ihr fünftausend geben hätte, wäre ich wie ein reicher Freier aufgetreten, aber diese Summe war zu hoch.

„Aida“, sagte ich, „ich sag es dir noch einmal, du bist noch so jung, es kann sein, du findest einen jungen Mann, den du liebst, ich würde es verstehen.“

Aida blickte nachdenklich nach unten auf den Tisch.

„Du hast mir erzählt, du arbeitest nicht gern als Prostituierte.“

„Nein“, sagte Aida, „das mache ich nicht, wenn eines Tages Natasha es erfahren würde, wäre es furchtbar.“

„Siehst du, und du träumst von einem kleinen Kiosk im Slum, von dem ihr leben könnt.“

„Yes, that’s my dream.“

“Wenn Jane morgen nein sagt, sage ich, dann gebe Aida so viel Geld, nämlich Sechzigtausend, dass sie einen Kiosk aufmachen kann, aber dafür wirst du nicht meine Zweitfrau, verstehst du das.“

„Ich verstehe das“, antwortete Aida, und zu meinem Erstaunen sah ich, sie hatte Tränen in den Augen. Sollte sie mich wirklich lieben?

Afrika (3) 10

So eine Karla wäre doch die ideale Frau für einen Schriftsteller. Sie stört nicht beim Schreiben, läuft auf Zehenspitzen, säubert die Wohnung, kocht Kaffee, kocht gutes Essen und liest nicht das Geschriebene…

Natürlich bin ich kein Schriftsteller, aber ich schreibe gern.

Die Schwester räusperte sich und rutsche ein wenig unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. Melchior B. gab ihr die Zeit, sich zu äußern.

Dann weiß ich endlich, warum Männer fremd gehen“, sagte sie.

Sie beugte sich etwas vor, aber der Patient verhielt sich reglos.

Aus Rache“, sagte die Schwester,“ wenn sie sich schlecht behandelt fühlen, so, so, mein Lieber, du bist ja ‚ne Marke.“

Sie lächelte sanft und lehnte sich wieder zurück.

Melchior B. fuhr ungerührt in seiner Erzählung fort...

Am Dienstag ging es mir gut. Die Sonne schien, wie auf einem Foto im Urlaubsprospekt, ich ging baden, ich lebte, wie ein Tourist.

Nach dem Nachmittagskaffee in meiner Restaurantnische, las ich ein wenig, machte ein paar Notizen. Wahrscheinlich war es sehr gut für mich, mit Karla Sex zu machen. Ich hatte mich auf diese Art von Jane befreit. Dann legte ich Buch und Schreibblock beiseite und träumte. Auf einmal saß Aida an meinem Tisch.

„How do you do?“

“I am fine and you?”

“I am also fine.”

Aidas Augen und meine Augen, Aidas Lächeln und mein Lächeln, unsere Gesten machten die Sprache zu keinem Hindernis. Ihr Erscheinen war für mich wieder einmal, als wenn sich der Himmel weit öffnete und Trompeten erschallten, wie im Paradies. Wir verstanden uns.

„Wie geht es dir?“

„Mir geht es gut und dir?“

„Mir geht es auch gut.“

Aida erzählte mir, dass sie nicht lesen und schreiben konnte.

„Du kannst nicht lesen und schreiben?“, fragte ich, „du bist doch nicht dumm.“

„Als ich in dem Alter war, um zur Schule zu gehen, waren wir auf der Flucht von Uganda nach Kenia.“

Und ich dachte daran, wie mir in Deutschland schon Jane erzählte, dass zu Zeiten des Menschenschlächters Idi Amin der Victoriasee so voller Leichen war, dass die Fische jahrelang vergiftet und ungenießbar wurden. Doch Aida wollte darüber nicht viel reden, sie berichtete nur, dass sie mit einem Onkel und zwei Brüdern in Kenia ankam.

„Jetzt lerne ich immer mit Natasha, sie geht doch in die erste Klasse, und ein wenig lesen kann ich schon“, sagte sie stolz.

Dann fügte sie noch hinzu:

„Aber mein Bruder ist sehr klug, er hat hier in Kenia noch den Schulabschluss gemacht, und er hilft immer Natasha und mir.“

Ich lächelte.

„Weißt du, was ich gestern gemacht habe?“

„Nein.“

Ich erzählte, wie wütend ich über das Telefonat von Jane war, und wie ich mich in dem Restaurant betrank.

„Ja, das verstehe ich“, sprach Aida.

„Und dann“, ich legte eine bedeutungsvolle Pause ein, „habe ich mit einer anderen Frau Sex gemacht.“

Aida machte große runde Augen und schlug sich mit der flachen Hand vor den Mund.

„Du hast was gemacht? Sex?“

„Yes“, sagte ich stolz.

„Mit wem denn?“, fragte Aida und lachte.

„Sie heißt Karla, kennst du eine Karla?“

Auf einmal wurde Aida ernst.

„Ja, ich kenne Karla, aber sie ist selten hier.“

Und ich lachte immer noch.

„Weißt du, was sie mich gefragt hat?“

Aida flüsterte.

„Was denn?“

„Ob sie meine Zweitfrau werden kann, wenn ich für immer nach Kenia komme.“

Plötzlich stutzte ich.

„Was ist mit dir, Aida?“

Aida rang nach Atem, sie bekam offenbar einen Anfall. Ich fasste besorgte ihre Hand an.

„Soll ich Hilfe holen, einen Doktor?“

„Nein, nein“, Aida sprach stoßweise, „es geht schon. Ich habe Asthma, weißt du und meinen Spray nicht dabei.“

Ich streichelte beruhigend ihren Arm.

„Pole, pole“, ruhig, ruhig, sagte ich leise. Und so nach und nach beruhigte Aida sich.

„Was war denn los?“ Ich blieb begriffsstutzig.

„Willst du denn Karla als Zweitfrau nehmen?“, fragte Aida und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Jetzt erst dämmerte es mir.

„Willst du denn meine Zweitfrau sein?“

Aida nickte.

Ich verstand die Welt nicht mehr. Okay, hier in Kenia kann man eine Zweitfrau haben, und wenn Jane immerzu in Geschäften unterwegs ist, kann ich, wie ein kenianischer Mann mir eine Freundin halten, Jane fühlte sich schließlich als hundertprozentige Afrikanerin. Sie verhielt sich nicht so, wie wir es in Deutschland absprachen. Aber Aida als Zweitfrau, das konnte ich mir nicht vorstellen.

„Aida, du bist doch viel zu jung für mich“, sagte ich. Schließlich hatte sie mir erzählt, sie wäre achtundzwanzig Jahre alt. Aida reckte sich stolz.

„Für mich bist du nicht zu alt.“

Lange schwieg ich, ich hielt immer noch Aidas Hand.

„Liebst du mich denn?“

„Ja“, sagte Aida, „ich liebe dich. I love you, Na kupenda, Ningwendete.“

Ich sprach begütigend auf sie ein.

„Aida, du könntest meine Tochter sein.“

Aida lachte auf einmal, und ehe ich es mich versah, gab sie mir einen Kuss, denn meine Augen sprachen anders.

„Hör auf, hör auf“, rief ich verzweifelt, Aida lachte nur noch.

„Wenn ich als alter Mann bei dir im Slum wohnen würde“, ich versuchte die ganze Angelegenheit auf den Boden der Vernunft zu holen, „dann würdest du an mir vorbeigehen, und noch nicht einmal einen Blick auf mich werfen. So ist das.“

Doch Aida blieb mir die Antwort nicht schuldig.

„Wenn du mich und meine Kinder aus dem Slum holst, dann werde ich dich lieben ein Leben lang.“

Diese Logik war verblüffend.

„Und wenn wir so arm werden, dass wir wieder in den Slum müssen, was machst du dann mit mir.“

Und Aida antwortete mit fester Stimme:

„Auch dann werde ich dich lieben, denn wenn ich dich einmal liebe, höre ich nie auf, dich zu lieben.“

Das ging über meinen deutschen Horizont. Ich dachte nach. Aida schwieg. Wir hielten uns fest an den Händen.

„Okay“, sagte ich, „ich werde mit Jane reden, wenn sie am Freitag kommt. Ich werde ihr vorschlagen, dass du meine Zweitfrau wirst, aber Jane ist immer meine erste Frau. Ich werde Jane vorschlagen, dass wir uns zu dritt unterhalten, und du wirst ihr sagen, dass du sie immer akzeptieren wirst. Wollen wir es so machen?“

Aida strahlte.

„Yes, so we do it.”

Mein Herz sang vor Freude.

„But in the evening, I must give Karla one thousand Schilling, I had it say to her.”

“I come also here in the evening”, sagte Aida.

Und so kam es auch. Als die Kinder im Bett lagen, als Irene mit ihrem Steve im Arm und George wieder auf der Couch saßen und amerikanische Serien guckten, nahm ich mir Georges Schlüssel. George hatte inzwischen immer abends den Schlüssel auf den Tisch gelegt.

„I go to the Restaurant to drink a beer.“

Die beiden nickten, sie waren es ja gewohnt. Und ich hatte mit der Zeit auch ein Gefühl bekommen, dass dieser ihnen so fremde weiße Mann nicht so richtig hierher gehörte. Ich blieb ein Mzungu.

Ich setzte mich nach draußen, und ehe ich es mich versah, saß Aida neben mir. Der Kellner kam, und ich bestellte für uns beide ein Bier. Aida strahlte.

„Hattest du einen guten Tag?“

„Ja, ich bin sehr glücklich“, sagte Aida. Ich wusste natürlich, worauf sie anspielte. Ich selbst konnte das gar nicht fassen, Aida als Frau.

„Ich bin ja gespannt, was Jane sagen wird.“

Ich lächelte. Aida lächelte auch, aber schwieg.

„Oh“, sagte ich, „dort am Tresen steht Karla. Sie wartet sicherlich auf die tausend Schilling.“

Wir konnten hier aus dem dunkleren Vorgarten deutlich den erleuchteten Innenraum des Restaurants sehen.

„Gib mir die tausend, ich bring sie Karla“, sprach Aida.

„Aber warum denn das?“ Ich wunderte mich. „Das ist doch eine Angelegenheit zwischen Karla und mir.“

„Aida“, sagte ich noch, „du musst immer ehrlich zu mir sein. Ich habe von Jane genug Lügen bekommen.“

„Ich bin immer ehrlich“, antwortete Aida.

„Willst du mit Karla handeln, ihr nur fünfhundert geben und den Rest behalten?“

„Nein, ich gebe ihr die ganzen tausend.“

„Aber warum willst du das machen?“

„Sie soll das Geld von mir bekommen“, antwortete Aida. Ich schüttelte nur den Kopf, doch ich wollte nun wirklich meine Beziehung zu Aida nicht mit einem Streit beginnen. Also zog ich tausend Schillinge aus meinem Taschenbuch und gab sie Aida.

Aida verschwand, ich sah sie kurz mit Karla, und dann kam Aida zurück, Karla aber sah ich nicht mehr. Da die Angelegenheit mit Karla nun erledigt war, saß Aida wieder bei mir.

„Aida“, sagte ich.

„Ja“, fragte sie.

„Hier im Restaurant ist es so laut und jeder sieht uns, ich möchte mit dir allein sein, kein Sex, nur küssen.“

Aida sah mich an, nicht mehr so an wie am ersten Tag oder in der ersten Nacht, als ich sie erkannte. Sie sah mich an wie eine Frau mit Würde ihren Mann ansieht, voller Respekt.

„Dann gehen wir beide vor das Restaurant, da vorn ist eine Imbissbude, sie hat jetzt geschlossen, aber es sind Bänke dort, wie wollen uns dort hinsetzen.“

Ich hatte diese Imbissbude am Tage oft gesehen. Meist standen und saßen dort die Taxifahrer oder einfache Arbeiter. Es waren immer Afrikaner, nie sah ich einen Weißen dort. Jetzt war alles finster und menschenleer.

„Ja“, sagte ich, „da wollen wir hingehen.“

Und ich bezahlte die Rechnung, und wir gingen hinaus. Wir setzten uns auf eine einfache Holzbank und hielten uns an der Hand. Wir schwiegen. Ab und zu gaben wir uns einen Kuss. Und wir küssten uns scheu, wie die Kinder. Einmal kam ein Wachmann des Hotels, wahrscheinlich um zu überprüfen, dass das schwarze Mädchen mit dem weißen Mann keinen Sex machte. Aber Aida sprach mit ihm und auch ich sagte:

„We make not Sex, we only sit down, we want only be alone.”

Da gab sich der Wachmann zufrieden. Und von weit her schallte die Musik aus dem Restaurant, aber das kam uns unwirklich vor. Gegenüber ragte dunkel die Wohnanlage, in der ich mit der mir so fremden Familie Janes wohnte. Ganz allein in Afrika, doch neben mir saß Aida. Und so, wie ich voller Glück war, so schien es mir, auch sie voller Glück.

Go, go

doch du bliebst sitzen

your are hollywood

du sahst mich an

und flüstertest leise

Hollywood und lächeltest

you want only money

money, du lächeltest

Sieh da den Alten, der

wartet nur, du kriegst dein

money

du schautest,

you say, i soll go,

yes, go, go

und dann gingst du

und sprachst den Greis an,

aber immer schautest du

zu mir.

Er sprach irgendwas,

du antwortest irgendwas,

und deine Augen immer auf mich,

er wollte sich erheben.

deine Augen immer auf mich,

du zerrissest mir das Herz.

komm her, komm her verdammt,

und du kamst und strahltest,

der Alte setzte sich wieder,

eine ärgerliche Handbewegung,

scheiß Schwarze.

Du saßest wieder bei mir,

und lächeltest stolz

I have do, what you say

deine verdammten Augen

yes

we go out

yes, yes

we make no more than a kiss

du lächeltest so glücklich

und während drinnen die

Weiber wie Schlangen

nach den weißen Männern

sich wanden

küssten wir uns

auf der kleinen

Bank auf dem

Parkplatz

wie Kinder

ach Scheiß

denkst du, ich vergesse es. Am Abend schrieb ich diesen kleinen Text, als wäre ich ein Schriftsteller.

In den letzten fünf Minuten waren der Chef und der Doktor hereingekommen. Blitzschnell hatte die Schwester die Füße vom Bett genommen. Zum Glück schien der Chef, ein alter, schon weißhaariger Professor, ihre bequeme Haltung nicht bemerkt zu haben, oder er ließ es sich nicht anmerken. Die junge Schwester überlegte, ob sie aufstehen sollte, aber dann entschloss sie sich zu einer geraden Sitzhaltung. Der Chef wirkte, wie immer, sehr konzentriert. Er untersuchte mit dem Doktor den Patienten, der unentwegt weiter erzählte. Der Chef unterhielt sich mit dem Doktor, ohne auf die Erzählung des Patienten zu achten. Beide schauten etwas sorgenvoll drein. Obwohl sie doch wussten, dass der Patient im Schlaf erzählte, sprachen sie mit gedämpfter Stimme, als wollten sie nicht die Schwester beim Zuhören stören.

Jetzt, da der Patient eine Pause einlegte, wendete sich der Chef an die Schwester.

Spricht er immer so?“

Ja“, sagte die Schwester und fügte hinzu, „als wenn er einen Text vorliest.“

Hm“, meinte der Chef nachdenklich und schaute bei den letzten Worten Melchior B.s auf diesen und hörte sogar zu.

Das war ja eben ein Gedicht.“

Über die alten Gesichtszüge des Chefs wehte ein ungewohntes leichtes Lächeln. Natürlich lächelte der Doktor auch.

Also“, bemerkte der Chef, „dieser Mann lebt allein, nicht wahr.“

Ja, ja“, beeilte sich der Doktor mit der Antwort.

Ich denke mir, er schreibt an dem Text, den unsere gute Schwester sich anhört“, er lächelte wieder, und die Schwester lächelte errötend. Der Chef war ein bekannter Professor und wurde hier hochgeachtet.

Und Menschen, die schreiben, beschäftigen sich manchmal sehr intensiv mit ihrer Arbeit. Das ganze Unterbewusstsein ist daran beteiligt. Darum spricht er, wie im Traum.“

Die Schwester wagte eine Bemerkung.

Einmal erzählte er ja auch, dass er sich dort in Afrika Notizen machte.“

Sehen Sie“, nahm der Chef die Bemerkung auf, „das ist eine wichtige Information.“

Die Schwester spürte den Blick des Doktors, als wäre er stolz auf sie.

Er hat sich einfach überarbeitet“, sagte der Chef, „das merken solche Menschen nicht und – er brach zusammen, wieder ein Herzinfarkt.“

Er wendete sich an den Doktor.

Also, sie bleibt bei ihm, er schwebt noch in Lebensgefahr.“

Ja, klar“, sagte der Doktor und die Schwester atmete auf.

Das Problem ist, dass er lebensrettende Maßnahmen ablehnte, als er heute früh kurz bei Bewusstsein war.“

Ach.“

Der Chef winkte ab.

Ob er unterschreibt oder nicht, nach den Gesetzen muss er eh seinen kleinen Eigenanteil zahlen. Morgen sieht schon alles anders aus.“

Sie gingen in Richtung der Tür, da drehte sich der Chef noch einmal um.

Wo war er denn in Afrika?“, fragte er die Schwester.

In Kenia“, antwortete die Schwester.

Ist ja interessant, da mache ich jedes Jahr mit meiner Frau über Weihnachten Urlaub, seit die Kinder groß sind.“

Der Doktor lachte.

Ja, stimmt, Sie lassen uns ja Weihnachten immer mit den Selbstmördern allein, Herr Professor.“

Der Professor lächelte zerstreut und murmelte:

Ja, Kinder, ich brauche auch meinen Urlaub, ihr schafft es auch gut allein.“

Auf einmal kam der Schwester ein Einfall, der sie keck werden ließ:

Kennen Sie auch Nairobi, Herr Professor?“

Der Professor sah sie an, und seine Augen funkelten verdächtig.

Wir fliegen immer nach Mombasa am Indischen Ozean, aber eine Woche fliege ich allein nach Nairobi, um an einer Safari teilzunehmen, für meine Frau ist das zu heiß, eine herrliche Tierwelt.“

Der Doktor öffnete ihm die Tür. Der alte Chef murmelte, wie in Gedanken versunken, vor sich hin:

Eine herrliche Tierwelt.“

Dann war die Schwester wieder allein. Sie fing an, zu kichern.

Das hättest du eben hören müssen“, sprach sie laut zu dem Patienten Melchior B., der aber schlief.

Die Schwester kicherte noch leise, als der Patient wieder begann, zu erzählen und zu erzählen, druckreif...

Afrika (3) 9

Am Sonntag ging ich wieder mit der Familie Eis essen. Ich bezahlte alles von meinem Geld. Ich bekam kein Geld von George, wie mir Jane es noch gesagt hatte. Einmal fand ich am Anfang zwei Schachteln Zigaretten, dann kaufte ich mir auch meine Zigaretten allein. Ich bemerkte, dass das Geld knapp wurde. Doch ich konnte es nur vermuten, George sprach nicht mit mir darüber. Vielleicht war das alte Matatu schon in der Werkstatt und schluckte das Geld.

Denn mir fiel auf, dass George jetzt am Tage oft zu Hause blieb.

Einmal stand ich spät auf, und Ali war da. Er hatte Vorhänge für die Fenster mitgebracht und war gerade dabei, Irene zu erklären, wie sie die Vorhänge anbringen musste.

„Hello“, sagte ich.

„Hello”, antwortete Ali und lächelte.

„You sleep long time“, sagte er.

“Yes”, antwortete ich, “but what soll I do?“

Ali schaute mich einen kurzen Moment an.

„Where is Jane?“

Wo ist Jane? Was für eine Frage, dachte ich, du bist hier, und du hast dich mit Sicherheit mit Irene unterhalten. Doch vielleicht wollte Ali nur ein wenig überprüfen, wie ich dachte. Deshalb sagte ich:

„The uncle was sick, and than he is dead.”

Ali nickte. Dann sprach er:

„And now you are alone here, why do you no go with Jane to her uncle?”

Das war eine vernünftige Frage, so empfand ich es.

„Jane had say, it is to hard for me, I need German luxus.”

Ein ganz dünnes Lächeln wehte über Alis Gesicht. Was wusste dieser Mann wirklich? Er blieb mir ein Rätsel. Ein Millionär kam und brachte Vorhänge für die Fenster. Wusste er vielleicht, wo Jane wirklich war?

Ich begleitete Ali nach unten. Und Ali zeigte mir stolz sein zweites Auto, ein zweisitziges Sportcoupé, wie ich es in Nairobi noch nie sah. Am Montag stand ich auch spät auf, wie ich es mir inzwischen angewöhnt hatte. Ich war gerade beim Frühstück, da erschien Charles. Irene, die wie immer Wäsche wusch, sprach mit ihm, und Charles legte sich auf die Couch.

„What is?“, fragte ich, denn Charles musste doch in der Schule sein. Charles sah mich nur an und sagte nichts. Ich fragte Irene, die aller Seelenruhe ihre Wäsche aufhing. Irene antwortete nur:

„I don’t know. Charles”, sie sprach nicht weiter, sondern zeigte auf ihren Kopf. Ich war verwirrt. Hatte Charles einen Unfall, doch der Junge besaß keine Beule oder Wunde am Kopf? Irene ging das alles nichts an. Ich redete auf Charles ein:

„You must be in the school.”

Charles sah mich nur mit einem leidenden Blick an. Ich dachte, keiner redet mit mir, Jane ist irgendwo, angeblich ihren Onkel beerdigen. Auf einmal tauchten auch Beatrice und Mike auf. Sie redeten auf Charles ein. Und Charles sagte plötzlich zu mir:

„Is okay, I go to school.”

Und alle drei zogen wieder los. Am Nachmittag kam Charles zu mir und erzählte, dass der „teacher okay“ sei, und es gab keine Prügel.

Der Lehrer hätte lange mit ihm gesprochen. Langsam verstand ich. Charles konnte dem Unterricht nicht folgen und war einfach abgehauen, aber sein Lehrer musste wohl sehr viel Verständnis für ihn haben. Zum Abendbrot erschien George und später, die Kinder badeten, klingelte das Handy von George. George sprach lange. Ich fragte:

„Is your mama?“

„Yes”, sagte George und sprach weiter, natürlich auf Kikuyu.

„I want speak with your mama”, sagte ich laut und bestimmt.

George zögerte. Er sagte tatsächlich:

„Is to much money.”

Mir wurde die Sache zu bunt. Mindestens seit zehn Minuten unterhielt er sich mit Jane, und für mich wurde es zu teuer! Für wie dumm hielte sie mich eigentlich?

„Give me the handy.“

Und George gab es mir.

„Jane?“, fragte ich.

„Ja“, hörte ich im Hörer, „was ist denn?“

„Jane“, sagte ich, „wir haben hier genug Probleme in Nairobi, du kommst morgen nach Hause.“

Denn so musste ich wahrscheinlich mit ihr reden, als wäre ich ein africanischer Macho. Doch antwortete Jane tatsächlich:

„Ich kann erst am Freitag kommen.“

Und sie legte auf.

Ich ging ins Elternzimmer und saß lange auf dem Fensterbrett. Als ich wieder nach vorn kam, hockte George, wie immer vor dem Fernsehapparat, alle anderen schliefen. Ich verlangte den Schlüssel und ging ins Restaurant. Und ich trank ein Bier nach dem anderen.

Ein Mädchen, das nicht so blutjung war, setzte sich zu mir an den Tisch.

„Do you want a beer?” fragte ich.

“Yes”, antwortete die junge Frau.

Ich sah sie an. Sie trug lange glatte Haare und lächelte freundlich. Ich hatte sie hier noch nie gesehen.

„My name is Melchior.”

„My name is Karla”, sagte sie.

Und trank mit ihr, ihr Lächeln tat mir gut. Obwohl sie wahrscheinlich jünger als Jane war, hatte sie eine mütterliche Ausstrahlung, so empfand ich es in meiner leichten Trunkenheit. Die glatten Haare hatte sie hoch gesteckt, wie die Frauen in Deutschland in den sechziger Jahren es taten. Karla sah aus, wie früher die Lehrerinnen von mir, nur, sie war so jung geblieben. Sie gefiel mir, ohne mir gefährlich zu sein.

„Do you want Sex with me?“, sagte ich schon mit schwerer Zunge. Sie lächelte unentwegt, aber überlegte. Dann schaute sie mich an und antwortete:

„Yes, I want.“

Ich war einigerrmaßen verblüfft über ihre natürliche Art.

„Without money?“

Ich versuchte mich, wie gewohnt, in einen Scherz zu retten.

Ohne zu zögern gab sie zur Antwort:

„Yes.“

Mir blieb einen Augenblick lang die Luft weg.

„Than you come with me in my home?“

„Yes, I come.”

Ein teuflischer Gedanke, Jane einfach zu betrügen, sich auf diese Art zu rächen, sie musste es ja nicht wissen. Jedenfalls winkte ich dem Kellner zu und bezahlte. Dann ging ich los in Richtung dieses Zuhause. Zwei Schritte hinter mir folgte Karla. Die Situation war seltsam und komisch. Ich klopfte an das Eisentor, und der kleine Nachtwächter öffnete mir. Ich gab ihm einhundert Schilling, das war Schweigegeld. Auch der Nachtwächter lächelte, und Karla folgte mir auf den Fuß. Vielleicht lächelte der Nachtwächter, weil ich mich endlich nicht, wie ein Heiliger benahm, sondern, wie ein Mann, ein kenianischer Mann. Ich ging das Treppenhaus hoch, hinter mir Karla.

„Wait here“, sagte ich einen Treppenabsatz unter der Wohnung.

Ich schloss die Wohnung auf. George saß natürlich im gespenstisch blauen Licht des Bildschirms. Ich sagte mit bestimmender Stimme:

„You look to much television. Go in your room and read a book.”

Schließlich hatte ich George die wundervolle Erzählung von Hemingway “Der alte Mann und das Meer”, the old man and the sea, geschenkt.

„Außerdem“, sagte ich, „I have visit from a woman.“

So schnell konnte ich gar nicht gucken, wie George aufsprang, den Fernsehapparat ausschaltete und in seinem Zimmer verschwand.

Die Wohnungstür stand immer noch offen. Ich ging auf den Flur und sagte zu Karla:

„Come to me.“

Und sie kam. Die Zimmer der Kinder, und auch das Zimmer Georges waren verschlossen, wir hatten die Wohnung für uns. Ich ging mit Karla in die Küche und schmierte ein paar Schnitten, die sie gleich heißhungrig verschlang. Dann nahm ich Bier aus dem Kühlschrank, und wir verschwanden im Elternzimmer. Karla fühlte sich wohl. Wir badeten und gingen ins Bett. Voller Leidenschaft gaben wir uns der Liebe hin, und Karla schrie laut aus Lust. Das musste George in seinem Zimmer einfach gehört haben. Später wurde mir bewusst, dass es für Karla gar nicht mal so ungefährlich war. In Kenia galt noch das alte englische Gesetz: My home is my castle. Das bedeutete, wenn Jane in diesem Moment nach Hause gekommen wäre, und die Wohnung war ja auf ihren Namen eingetragen, hätte sie Karla straffrei abstechen können. Das hatte mir Jane schon in Deutschland erzählt. Wenn eine Frau in ihrer Wohnung den Mann beim Fremdgehen erwischt, darf sie die andere Frau töten, und sie bekommt keine Strafe. Sie schützte ihr Heim. Wenn sie aber ihren Mann heimlich verfolgt, und dasselbe in einem Hotelzimmer oder in der Wohnung der anderen Frau macht, bekommt sie die Todesstrafe. Aber, auf den ältesten Sohn schien das Gesetz nicht überzugehen.

Wir lagen noch ein Stündchen Arm in Arm. Ich fühlte mich gut, ich hatte mit einer Frau, die ich nett fand, Sex gehabt, aber die Liebe stand nicht im Wege. Plötzlich sagte Karla leise:

„When you come forever to Kenya, I can be your second woman?“

Eine Zweitfrau, ich traute meinen Ohren nicht. Zum einen zeigte es mir, dass Karla über meine Verhältnisse genau Bescheid wusste, und zum anderen war das ein wirklich verlockendes Angebot. Sie ist also doch nicht mit mir mitgekommen, weil sie mich attraktiv fand, dachte ich Oder, vielleicht doch. Die meisten Touristen, die wegen Sex kamen, waren steinalte Rentner, und keiner von ihnen hatte die Absicht, nach Kenia auszuwandern. Sie hielten nur Ausschau nach blutjungem schwarzem Frischfleisch, und Karla war vielleicht schon Anfang dreißig. Ich musste immer bei diesen Rentnern denken, das waren einst Schuldirektoren oder Richter.

„You come from Slum?“, fragte ich Karla.

„Yes”, antwortete sie.

„You have children?“

“One son.”

“I will think about”, sagte ich, “you are a good woman.”

„And you are a good man”, bemerkte Karla und kuschelte sich noch enger an mich. Doch die Zeit drängte. Ich wollte ja nun nicht gerade, dass Irene und die Kinder beim Aufstehen, Karla entdeckten. Wir zogen uns an, und ich brachte sie vor das Tor.

„Have you a little money for me?“

Ich war hilflos.

„I have now no money, but when you come evening in the Restaurant, I give you.”

Karla lächelte.

“Is one thousand okay?” fragte ich vorsichtig.

„That’s okay.”

Karla gab sich nicht als Prostituierte, das war schließlich verboten in Kenia. Sie gab sich als zweite Frau eines Mannes, den sie um ein Geschenk bat. Zum Abschied reichte sie mir die Hand, machte tatsächlich einen Knicks und sagte:

„Thank you.“

Verblüfft strich ich mir über die Augen, während die Dunkelheit sie verschluckte.

Afrika (3) 8

Wie meinen sie das?

Sie laufen nicht davon, wie die jungen, wenn sie ein Kind zeugen. Sie versorgen die Kinder. Und eine Frau in Kenia, vielleicht in ganz Afrika denkt immer an ihre Kinder. Ihnen gilt ihre Liebe. Die Liebe, wie wir sie aus Hollywoodfilmen kennen zwischen Männern und Frauen, diese Liebe ist selten in Afrika.

Aber ich bin ein Deutscher, Aida ist nur drei Jahre älter als meine Tochter. Jane, mit ihren sechsunddreißig Jahren passte besser zu mir. Wenn sie nur nicht so verlogen gewesen wäre.

Zwei Jahre sollten vergehen, da rief mich in Deutschland eine Freundin Janes an. Sie berichtete mir, dass sie damals auch in Kenia zu Besuch war und Jane getroffen hatte. Nein, damals war nicht der Onkel gestorben. Jane hielt sich in Mombasa auf, um in Hotels nach anderen weißen Männern Ausschau zu halte, um einen zu finden, der an meiner Stelle mit ihr die Familie rettete. Nur – Jane hatte keinen anderen Mann gefunden…

Ich holte jeden Tag nach dem Mittagessen die Kinder von der Schule ab. Einmal war es besonders heiß, und der Weg zur Schule führte ja durch die Straße ohne schattige Bäume, dann musste ich die Schranke passieren und über den weiten Sonnen durchglühten Schulplatz, bis zu den Gebäuden zurücklegen. Hier standen Bäume, hier fand ich einen schattigen Platz auf einer kleinen Balustrade. Ich zündete mir eine Zigarette an. Da kam ein Lehrer und bedeutete mir, dass ich auf dem Schulgelände nicht rauchen darf. Also ging ich den Weg zurück, immer in der prallen Sonne und rauchte auf der Straße vor der Schranke. Es war ein außergewöhnlicher heißer Tag. Da wurde mir übel. Er ging zurück zu den Gebäuden, und so nach und nach trudelten die Kinder ein. Ich nahm Kennedy an die Hand, und als wir auf der Straße gingen, verspürte ich plötzlich einen Stich im Herzen, und im Kopf hatte ich das Gefühl, ein Blitz durchzuckte mein Gehirn. Ich ging schwankend. Der einzige, der bemerkte, dass etwas nicht mit mir stimmte, war Charles. Fürsorglich nahm der große Junge meine andere Hand. Mir war heiß und kalt zugleich. Ich ging bis zum Restaurant und bat Charles, Kennedy über die Straße zu führen. Ich glaubte jeden Augenblick, umzufallen. Als ich undeutlich wahrnahm, dass die Kinder hinter dem Eisentor der Wohnanlage verschwunden waren, ging ich ins Restaurant. Ich setzte mich in die schattige Ecke auf die Steinbank und bestellte ein Bier. Mein Freund, der Gamba, schaute mich besorgt an.

„You want I call a doctor?”

Ich wehrte ab, nur ein Bier und Ruhe. Dann nahm ich eine starke Beruhigungstablette, die ich aus Deutschland mitgebracht hatte und wartete. Das Herz schmerzte. Ich nahm noch eine Tablette ein. Und so nach und nach ging es mir besser. Da hatte ich wahrscheinlich meinen dritten Herzinfarkt. Ich fühlte mich dort nicht zu Hause. Und ich dachte, das stehst du jetzt durch, nun ist der richtige Augenblick zum Sterben gekommen, und du stirbst, wie ein Mann. Aber ich starb nicht.

Abends versuchte ich Irene zu erklären, dass ich gesundheitliche Probleme hatte. Sie verstand gar nichts. Da sagte ich nur:

„Tomorrow you must go to school and hol the kids, and than every day.”

Irene schaute mich erstaunt an:

„Yes“, sagte sie nur.

Ab dann hatte ich kaum noch Kontakt mit der Familie. Wenn ich zu Hause war, ging ich ins Elternzimmer und las dort, oder ich saß auf der Fensterbank und träumte. Ich wartete auf Jane. Doch am Freitag klopfte George an die Tür, und ich öffnete ihm. George gab mir das Handy, und ich hörte Jane:

„Ich muss doch noch länger hier bleiben. Ich kann nicht heute kommen.“

„Aber du hast doch gesagt, du kommst.“

Ich war verzweifelt.

„Es geht noch nicht“, sagte Jane.

Ich verstand sie nicht. Hatte sie mir nicht einst erklärt, eine Woche dauert in Afrika bei den Kikuyus eine Beerdigung. Ich sagte:

„Jane, wir haben hier Probleme, es gibt viel zu tun und zu bereden.“

„Hier gibt es auch viel zu tun“, antwortete Jane.

Ich schwieg. Schließlich fragte ich:

„Wann kommst du denn?“

„Nächste Woche Freitag.“

Da gab ich ohne ein Wort George das Handy zurück. In dieser Nacht saß ich lange auf dem Fensterbrett. Inzwischen war ich überzeugt, dass der Onkel nicht gestorben war. Ich glaubte, sie belog mich, sie war in irgendwelchen Geschäften unterwegs. Männersuche, wie ich heute weiß. Als Katholikin wird sie dafür einst in der Hölle schmoren.

Am Samstag wollten die Kinder natürlich wieder mit mir baden gehen.

„No, no“, sprach ich, „not sunshine in Nairobi.”

In der Tat zeigte sich der Himmel bewölkt, als wolle er ein Spiegelbild zu meiner Seele bilden. Ich ging einfach ins Elternzimmer und riegelte ab. Ich wollte niemand sehen. Ich legte mich aufs Bett und las, aber die guten Worte errichten mich nicht. Immer wieder dachte ich über Janes Handeln nach. Und ich fühlte mich allein in Afrika. Der kleine Kennedy trommelte an meine Tür, aber ich öffnete nicht. Wie kann sie so etwas machen? Es ist ein gefährlicher Zustand für einen Menschen, wenn seine Gedanken sich im Kreise drehen. Gleich nach dem Mittagessen verschwand ich wieder in meiner Höhle. Den Kaffee brühte ich in der Küche, und ich trank ihn auf der Fensterbank sitzend und rauchend. Ich war wie gelähmt. Und das hielt den ganzen Tag an. Als George auftauchte, ließ ich mir den Schlüssel geben und ging ins Restaurant. Die Familie saß inzwischen sowieso, wie hypnotisiert vor dem Fernsehapparat.

Ich suchte mir auch im Restaurant einen abgelegenen Platz. Heute war mir noch nicht einmal zum Scherzen zumute.

Mein Buch legte ich beiseite und starrte durch das Holzgitter auf die Straße. Auf einmal saß Aida an meinem Tisch. Und es war, als ob die Wolken zerrissen, die Sonne durchkam und tausend Trompeten im Himmel ein Loblied brachten. Ich lächelte.

Und ich lud Aida ein, ein Bier mit mir zu trinken. So nach und nach begannen wir zu plaudern. Und wenn Verliebte plaudern, dann sind sie allein auf der Welt. Ich erfuhr, dass Aida zwei Kinder hatte. Einen kleinen Jungen und ihr großes Mädchen, das sie immer noch Baby nannte. Das Mädchen hieß Natasha und der Junge Robert. Natasha war sieben Jahre alt, und Robert erst zwei. Der Vater von Natasha war ein Belgier, sie hatte nie wieder von ihm gehört. Und der Vater von Robert war ein Österreicher. Er kam sogar und besuchte sie, als der kleine Robert auf die Welt erschien. Er sah sich das Baby an, gab Aida zweihundert Schillinge, und von da an hörte sie nie wieder von ihm. Zweihundert Schillinge sind ungefähr sechs Mark.

Ein ganz normales Schicksal in Afrika. Wie fast alle Frauen, wollte Aida heraus aus dem Elend, und die weißen Männer hatten einen Urlaub lang eine schöne Geliebte, das war wahrscheinlich mit enthalten in der Urlaubspauschale. Natürlich ging das Gespräch lang, denn ich musste Aida immer wieder bitten, langsam zu sprechen, viele Worte verstand ich nicht, aber sie erklärte mir dann eben geduldig mit anderen Worten, bis ich verstand. Aida kam aus Uganda, als Kind mit zwei Brüdern und einem Onkel. Das muss in der blutigen Zeit des Menschenschlächters Idi Amin gewesen sein.

Und dann erzählte ich meine Geschichte. Wie ich mich in Deutschland, krank und arbeitsunfähig geworden, von meiner Frau lösen wollte, ohne mich zu trennen. Wie sie sich aufhängte, aber gerettet wurde. Ich erzählte, dass ich mich daraufhin für immer von ihr trennte. Ich berichtete, wie ich allein lebte. Ich erklärte Aida, dass man sich in Deutschland eine Prostituierte über das Telefon ins Haus bestellen konnte. Ich erzählte, wie ich Jane kennen lernte. Und ich erzählte auch, dass Jane dann bei mir lebte und nicht mehr als Prostituierte arbeitete. Wie eine große Liebe zwischen uns entstand. Dann hörte ich von ihren Kindern, und wir beschlossen nach Kenia zu ziehen. Jane war noch verheiratet mit einem anderen Mann, der praktisch ihr Zuhälter war. Und ich brauchte viele Worte, um Aida zu erklären, was ein Zuhälter ist. Aber ich verheimlichte Aida nicht die große Liebe zu Jane, wie sie mir beistand, als ich die Nachricht erhielt, dass ein halbes Jahr nach der Trennung von meiner Frau, diese nun tatsächlich sich das Leben nahm.

Ich erzählte, und Aida erzählte. Sie flirtete nicht mit mir. Doch sie verstand mich, als ich von der großen Veränderung Janes hier in Kenia erzählte, und schließlich berichtete ich Aida von dem gestrigen Anruf. Da sagte Aida:

„Jane is a Kikuyu.”

Ich seufzte. Doch ich fühlte mich verstanden. In dieser Nacht schlief ich gut Ich liebte Aida nicht. Nein, ich war ein wenig verliebt, weil ich ihre Schönheit sah, die von innen kam. Aber sie war doch nur drei Jahre älter als meine Tochter. Ich fühlte mich von ihr verstanden. Und ich begriff nicht, dass ich mich zum Beispiel mit Irene oder George nicht so darüber unterhalten konnte. Aida konnte doch auch nur Englisch und kein deutsch. Wenn man will, wenn man sich Zeit lässt, gibt es immer einen Weg sich zu verständigen.

Corona Welt

Wie kann das sein?

Eine amerikanische Krankenschwester erzählt, dass eine Patientin als letztes erfuhr, bevor es ans Sterben ging, dass ihre baldige Todesursache, eine Infektion durch das Coronavirus sein wird.

Diese Patientin, eine Trump-Anhängerin, bäumte sich mit allerletzte Kraft auf und schrie voller Wut, das kann nicht sein, es gibt gar kein Corona-Virus, es muss Krebs oder so etwas sein.

Neulich las ich auch so einen Eintrag von einer Frau, die ich sogar kenne, sie schrieb vor drei oder vier Tagen in einem Forum, wo sie von allen abgelehnt, herum spukt wie eine Kranke, in Leipzig gäbe es nur einen einzigen an Corona Erkrankten in einer Intensivstation.

Nun kann man lächeln oder Kopf schütteln, Menschen in Verblendung beharren auf ihre recht eigene Wirklichkeitswahrnehmung, da schützt auch der Tod nicht vor. Da stürmen sie am liebsten den Reichstag.

Sie folgen den Anführern (oft im Internet) wie einst die Kinder dem Rattenfänger von Hameln.

Das sollte mal der Professor Wieler vom RKI erläutern, wissenschaftlich bitte sehr, gern auch mit einem Unterstützer aus der Psychiatrie.

Ich mache das nicht.

Lanz bei Obama

Obama ist wahrscheinlich weltweit immer noch das größte Talent politische Themen einfach zu erklären. Es kam sogar zu einer Frage wegen des Einsatzes von Drohnen. Er bedauerte tatsächlich die Toten, allerdings nur die amerikanischen.

Ich denke immer, wenn Amerikaner sich äußern, an das römische Weltreich. Genau genommen halten sie doch den Rest der Welt für Barbaren 🙂

Aber ebenfalls genau genommen mag ich auch Lanz nicht, das sind alles solche, nun ja, Autoverkäufer. Ich mag auch keine Autos.

Und bedenken Sie eins: acht Jahre Obama haben nicht dazu geführt, dass ein Trump danach unmöglich wurde.

Aber schauen Sie es sich an, der Charme eines Intellektuellen, eines Obama ist gewissermaßen umwerfend.

Übrigens las ich hier irgendwo, dass die Familie Obama schon die Familie Clinton überholt bei der Anhäufung von Geld nach der Präsidentschaft, Trump hat wohl eher Schulden, wer weiß das schon, die Kerle spielen alle sehr gern Golf. Nun ja, das Römische Weltreich in Dekadenz.

Afrika (3) 7

Am Sonntag Nachmittag fuhr George zu dem Matatu. George wusch an jedem Sonntag das Auto gründlich. Er war ein fleißiger Junge, der alle Pläne seiner verehrten Mama unterstützte. In Deutschland erzählte mir Jane, sie war gerade erst ein Jahr in der Fremde, da telefonierte sie mit ihrer Mama. Und diese erzählte, George wolle nicht mehr zur Schule gehen, das Lernen fiel ihm so schwer. Und Jane führte ein langes Gespräch mit George.

„Alles was ich hier tu, mach‘ ich, um der Familie zu helfen. Auch du musst kämpfen. Wenn du nicht mehr zur Schule gehst, dann wirst du eben ein Straßenkind. Ich habe noch zwei Kinder, und ich muss mich auch um diese kümmern. Entweder du gehst zur Schule und lernst so gut, wie du nur kannst, oder du bist verloren.“

Ja, so hart ging es zu. Jane erzählte mir, es bliebe ihr keine Wahl. George weinte damals am Telefon und versprach, wieder zur Schule zu gehen. Er machte alles seiner Mutter zuliebe. Aber schon in der kurzen Zeit, die ich in Kenia weilte, erkannte ich, George wäre mit einem Studium total überfordert. Alles was Jane plante, kam aus ihrem Kopf, die Kinder sollten so funktionieren, wie sie es sich vorstellte. Doch richtig wohl fühlte sich wohl George bei handwerklichen Tätigkeiten. Auch darüber wollte ich noch mit Jane in Ruhe reden. Im Hotel saßen wir an einem Abend und Charles malte auf meinem Schreibblock. Wir achteten gar nicht weiter auf ihn. Da kam er plötzlich und zeigte mir sein Bild. Es waren Comicfiguren, die er aus dem Kopf gezeichnet hatte.

„Mzuri sana“, sagte ich.

Und zu Jane sagte ich:

„Der Junge kann aber gut zeichnen.“

Jane sagte:

„Wenn man überlegt, dass sich nie ein Lehrer in der Schule mit ihm beschäftigte, dort in diesem Schweinestall sitzen drei Klassen zusammen in einem Raum.“

Ich bat Charles etwas zu zeichnen, was er sah. Charles blickte suchend umher, dann nahm er sich meine Zigarettenschachtel und die Streichhölzer. Das fertige Bild war perfekt.

„Der Junge hat Talent“, sagte ich damals im Hotel zu Jane. Und auch Jane staunte. Jetzt in der neuen Wohnung fand sich bisher noch kein ruhiger Platz, aber ich war der Ansicht, in dieser Schule werden die Lehrer schon auf Charles aufmerksam werden. Später, wenn ich mit Jane für immer in Kenia leben werde, könne man sich auch darum kümmern. Und auch darüber wollte ich mit Jane reden.

Ich machte Irene am Sonntag Nachmittag klar, jetzt wird kein Fernsehen geguckt. Die ganze Familie wird Eis essen gehen. Ich spielte den großzügigen Chef. Und Irene gab den Kindern saubere Sachen, zog sich selbst ihr schönstes Kleid an. Und wir marschierten ins Restaurant. Für die paar Mädchen, die anwesend waren, für die Kellner, bedeutete der Auftritt der kinderreichen Familie auch etwas Besonderes. Alle lächelten. Ich selbst trank nur Kaffee und rauchte. Und Irene bekam ein Eis und dann noch einen Kaffee extra. Ich wollte es doch gut machen.

Am Sonntag Nachmittag kam George nach Hause. Sein Handy klingelte, und er sprach lange mit jemandem. Dann winkte er mich heran, und ich hörte Janes Stimme:

„Mein Onkel ist gestorben.“

Ich reagierte spontan.

„Das ist ja schrecklich.“

„Ja“, sagte Jane, „wir sind alle sehr traurig.“

Ich wartete.

„Ich kann da nicht heute kommen, ich muss noch ein paar Tage hier bleiben.“

Nun wusste ich aus Janes Erzählungen, wie bei den Kikuyus eine Beerdigung vonstatten ging. Eine Woche lang werden die Hinterbliebenen von den Verwandten umsorgt. Ich sah das natürlich ein.

„Wann denkst du denn, du kannst wieder herkommen, es gibt doch noch so viel zu erledigen.“

„Ja, ich weiß“, antwortete Jane, „ich werde am Freitag kommen, bis dahin muss ich aber hier bleiben.“

„Na ja“, bemerkte ich, „was sein muss, muss sein.“

Fast eine Woche lang, musste ich nun mit der Familie allein bleiben. Und Irene mit ihrem Steve, Mike und Beatrice waren mir so fremd. Auch George hielt sich sehr reserviert, aber das war seine Art. Und Charles und Kennedy entglitten mir von Tag zu Tag mehr. Erst später erfuhr ich, dass Janes Cousine, die Tochter ihres Onkels also, nicht aus England zur Beerdigung kam. Und das war nach Janes Erzählungen über die Traditionen der Kikuyus schlichtweg undenkbar. Und wenn sie Schulden machen müsste, sie hätte nach Kenia fliegen müssen. Der Onkel war doch auch angeblich ein Millionär.

Und ich begann ein wenig mehr zu zweifeln. Jane wollte unbedingt, dass er schon vorher allein nach Deutschland flog. Dann wurde plötzlich der Onkel krank und nun starb er. Keiner in der Familie hier, also Irene, George, geschweige denn die Kinder, machte in irgendeiner Form einen traurigen Eindruck.

In Deutschland, als wir so ein glückliches Paar waren, erzählte mir Jane viel über Kenia, über die Kikuyus. Einmal erzählte sie mir eine Geschichte aus der Vergangenheit. Die Männer eines Dorfes raubten dem Nachbardorf Vieh. Dann setzten sich die Dorfbewohner zusammen und besprachen die Angelegenheit. Ein Mädchen, das besonders hübsch war, erhielt eine Aufgabe. Sie ging regelmäßig in das Nachbardorf, und dort machte sie einem jungen Mann schöne Augen, bis er sich in sie verliebte. Endlich warb er um sie, und es gab eine große Hochzeit, und die Dörfer versöhnten sich. Der Viehdiebstahl schien vergessen. Zwei Jahre lebte das Mädchen, als Frau ihres Mannes im Nachbardorf. Und dann kam sie, unter dem Vorwand ihre Familie zu besuchen, wieder zurück ins Dorf. Und sie berichtete den Dorfältesten alle Einzelheiten. Wie in dem Nachbardorf die Wachen aufgestellt werden, wo die Männer sich abends zum Gespräch aufhielten, wo sich das Vieh befand. Sie gab einen genauen Bericht über die Lage, über die Lebensgewohnheiten ihrer doch jetzigen Heimat. Und die Männer brachen auf mit Speeren und Keulen, und sie erschlugen alle Männer des Nachbardorfes.

Jane erzählte mir diese Geschichte, die vielleicht, wie eine Sage bei den Kikuyus erzählt wird, den kleinen Kindern vor dem Schlafen gehen. Jane wollte mir auch über die Art der Kikuyus zu denken, etwas erzählen.

Und davon hatte sich noch viel erhalten. Nach meiner Ansicht wurden Jane und ihre Cousine auserwählt nach Europa zu fliegen, und einen weißen Mann mit Geld zu holen, welcher der Familie hilft aus der Not zu kommen. Und Jane hatte ihren Auftrag erfüllt. Und jetzt setzten sie sich zusammen und beratschlagten, was sie mit meinem Geld machen. Ja, es klingt verrückt, nicht wahr. Ja, das wäre ja völlig absurd. Ich wusste auch, dass Jane von der Familie verachtet wurde, sie hatte was gutzumachen. Sie wurde von der ganzen Familie verachtet, weil sie ein Kind bekam, ohne einen Mann zu haben, ohne verheiratet zu sein.

Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde auch in Deutschland eine ledige Mutter verachtet. Ja, der Mensch muss immer die Gesetze seiner Gesellschaft einhalten, sonst wird er von der Gemeinschaft verstoßen. In Deutschland gab es vor zehn Jahren noch den Begriff der multikulturellen Gesellschaft. Inzwischen verwendet ihn kaum noch jemand. Auch unsere Gesellschaft hat ihre Normen, und wer dagegen verstößt, ist ausgestoßen. Ich habe das in meiner eigenen Familie erlebt. Eine Afrikanerin als Freundin, vielleicht sogar heiraten wollen, da wurde ich merklich isoliert. In den Großstädten kann man noch gegen die Normen verstoßen, aber in den Kleinstädten, in den Dörfern? Warum sollte es in der Dritten Welt anders sein. Auf beiden Seiten braucht die Menschheit Politiker mit Visionen. Wir leben auf einer Erde, wir brauchen eine Zukunft.

Ich langweilte mich in dieser Trauerwoche. Am Tage ging ich schwimmen und sonnen. Früh brachte ich die erste Zeit die Kinder zur Schule, denn die Straße war sehr befahren, und auf Kennedy musste man auf jeden Fall aufpassen, dass er nicht vor ein Auto rannte. Nach dem Mittag, das von Tag zu Tag armseliger wurde, holte ich die Kinder ab. Doch eines Tages sprach mich ein Lehrer an, und ich verstand ihn nicht. Da sagte ich zu George, der immer lange schlief, weil er bis in die Nacht Fernsehen schaute, er müsse morgens die Kinder zur Schule bringen.

„It gives matata.“

„Okay”, antwortete George.

Später verstand ich die Probleme, zum einen brauchte Kennedy unbedingt einen Gürtel, denn dem kleinen Mike Tyson rutschte seine Hose immer, bis in die Kniekehlen. Zum anderen brauchte Charles Fotokopien eines alten Lehrbuches, denn es zeigte sich doch, dass Charles sehr viele Schwierigkeiten mit dem Lehrstoff bekam. Das war ja auch kein Wunder, seine Mitschüler besuchten schon seit Jahren diese gute Schule. George erledigte die Besorgung des Gürtels für Kennedy, und er machte auch Fotokopien. So ergab es sich, dass ich anfing, morgens lange zu schlafen. Und ich ging nun jeden Abend zwei Biere trinken, ich langweilte mich einfach zu Hause, selbst in Deutschland sah ich nicht gern Fernsehen, wie erst in einer Sprache, die ich nicht verstand. Ich scheiterte Schritt für Schritt. Die Kinder durften am Nachmittag die Wohnung nicht verlassen, mit einer Ausnahme, nämlich Charles.

Einmal bat ich Charles mir seine Lehrbücher und Hefte zu zeigen. Und ich sah die vielen roten Striche, im Fach Mathematik erkannte ich sogar die Fehler. Ich sprach mit George. Ich versuchte, ihm zu erklären, dass die anderen Schüler einen großen Vorsprung hatten. Und gerade Charles, als der älteste, brauchte Hilfe. Alles Dinge, die Virginia erledigt hätte. Dann freute ich mich, als ich sah, wie sich George mit Charles abends hinsetzte und übte. Doch als ich spät abends mir die Bücher wieder ansah, standen dieselben Fehler drin. George meinte es gut, doch auch er war überfordert. Nun gut, dachte ich, die eine Woche, und dann müssen wir das mit Jane bereden.

In der Gaststätte gab es immer etwas zu lachen. Die jungen Mädchen flirteten mit mir, dass es eine Pracht war. Einmal setzte sich eine zu mir und fragte, wie sie immer begannen:

„Do you give me a beer?“

Ich lachte.

“No.”

Das Mädchen lachte aber auch:

„Do you give me a cigaret?”

“No.”

Aber sie stand nicht auf. Ich beugte mich über den Tisch und fragte:

„Wie alt bist du? How many years you are?”

Erstaunt schaute das Mädchen mich an und überlegte, dann sagte es:

„Twenty.“

Ich lachte:

„No, no, you are fifteen.”

Die anderen Mädchen hörten zu und lachten nun alle. Sie erlebten wahrscheinlich nicht alle Tage einen Spaßvogel, wie mich unter den Touristen.

„No, no.“

Das Mädchen lachte weiterhin. Aber sie bekam von mir weder Alkohol noch eine Zigarette. Ich sagte zu ihr:

„I go with you to your home, and than I say to your daddy, he soll dich verprügeln.” Mir gingen die englischen Vokabeln aus, aber meine Gesten waren unmissverständlich. Immer gab es, was zu Lachen, wenn ich da war. Meist setzte ich mich in dieser Woche am Abend in den Innenraum auf einen der abgelegenen Plätze. Ich begann, Freundschaft mit den Mädchen zu halten. Und alle wussten, ich war kein Opfer, ich machte nur Spaß. Eine andere Schöne fragte ich einmal direkt:

„Do you want make Sex with me.”

Sie stutzte, und die anderen kicherten schon.

„Yes.“

„How much money?”, fragte ich.

“Two thousand.”

“That is to much”, sagte ich.

“Than one thousand.”

Man konnte handeln.

„Okay“, sagte ich, „you give me one thousand, and I make Sex with you.”

Die Augen des Mädchens weiteten sich, aber es tanzte der Lachteufel darin.

„You want the money. Du willst das Geld!”

„Na klar“, sagte ich auf deutsch, „do you don’t know, how good I am in Sex. It will be wonderful for you. Du weißt nicht, wie gut ich im Sex bin, es wird wundervoll für dich.“

Sofort eilte die Schöne zu ihren Freundinnen und erzählte den Ulk, den ich mit ihr machte. Die armen Mädchen saßen den ganzen Abend, und es war so schwer, einen weißen Touristen zu finden. Und wenn, dann handelte es sich meist um alte Männer, die fast dreißig Jahre älter, als ich waren. An diesem Abend kam die Schöne mit einer Freundin zurück an meinem Tisch. Und die Freundin konnte deutsch:

„Ich machen mit dir Sex für zweitausend, ich machen auch französisch.“

Das war allerdings sehr ungewöhnlich für Afrika. Sie ließen keinen Versuch aus, die harte Nuss zu knacken.

„Ich brauche das nicht“, sagte ich, „ich habe eine Frau, eine afrikanische Frau.“

„Aber du allein“, sagte die deutsch sprechende Freundin.

„Und darum soll ich dir zweitausend geben?“, fragte ich.

„Ja“, sagte sie, „du sagen zu meiner Freundin, sie soll für dich zahlen tausend.“

Ich lachte, und alle lachten.

„Ja, aber sie hat keine tausend.“

„Dann müssen wir es sein lassen“, meinte ich.

„Aber wenn du mir zweitausend gibst für französisch, dann schenke ich ihr tausend, und sie kann dich bezahlen.“

Die Mädchen im Lokal lachten. Denn das deutsch sprechende Mädchen hatte natürlich alle eingeweiht, und sie wussten, worüber ich mich mit der Schönen unterhielt. Und schön waren sie alle. Und ich vergaß mein tristes Zuhause, ja, war es überhaupt mein Zuhause?

Aida sah ich die ganze Woche nicht. Vielleicht waren die zweitausend mehr, die ich ihr gab, genug zum Leben, denn keine von diesen Mädchen machte ihren Job gern. Mit alten Rentnern Sex machen, doch sie kamen aus dem Slum. Viele hatten Kinder, und die Kinder hatten Hunger. Inzwischen kam ich auch zu der Ansicht, dass die deutschen Inhaber nichts direkt damit zu tun hatten. Prostitution war ja tatsächlich in Kenia verboten. Und die Mädchen machten Liebe, und sie bekamen das Geld gewissermaßen, als Geschenk. Jede von ihnen träumte davon, einen festen Freund zu finden, der sie mitnahm nach Europa. Die jungen afrikanischen Frauen können nicht in solchen Kategorien denken, wie es junge Mädchen im wohl behüteten Elternhaus in Deutschland taten. Sie wollten nur eins, heraus aus der Not.

An einem Abend fragte mich lächelnd die ältere Dame, die den Gang zur Toilette bewachte, ob ich ihr ein Bier kaufe. Und sie war die einzige, der ich jeden Abend ein Bier kaufte. Sie hatte lange genug mein abendliches Verhalten beobachtet und mich richtig eingeschätzt.

Übrigens, zum Glück war Aida nicht da. Sie wäre mir als einzige gefährlich geworden. Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken. Und Gefühle stören manchmal dabei.

Einmal saß ich draußen, bei einer Tasse Kaffee, in meiner Ecke. Nur ein Tisch weiter, saßen ein alter Mann und ein junges Mädchen. Der alte Mann aß Mittag zur späten Stunde, das Mädchen sprach auf ihn ein. Schließlich bestellte er ihr auch ein Mittagessen. Ich las zwar in meinem Buch, aber mit einem Auge beobachtete ich das Geschehen am Nachbartisch. Noch, während das Mädchen aß, tätschelte der Alte an ihr herum. Er war mindestens siebzig Jahre alt. Das Mädchen lächelte und wehrte ihn sanft ab. Dem Alten war das scheinbar egal, er versuchte sogar unter ihrem Pullover den BH aufzuknüpfen. Das Mädchen konnte gar nicht in Ruhe essen. Sie lächelte zwar einmal schelmisch zu mir hinüber, aber beschäftigte sich dann nur mit dem Alten. Und plötzlich, ich wollte meinen Augen nicht trauen, nahm sie eine Serviette und tupfte dem Alten die Mundwinkel trocken. Das Mädchen war vielleicht Mitte zwanzig. Aber, was mich am meisten verblüffte, das Mädchen sah den Alten nicht mit Ekel an, sie sah ihn liebevoll an. In den Landgebieten, in den Dörfern Kenias gibt es Männer, die haben fünf Frauen. Diese Männer sind manchmal sehr alt, und einige ihrer Frauen sehr jung. Das ist in ihrer Tradition normal. Es gibt sogar ein Sprichwort bei den jungen Mädchen: „Alte Männer sind Gold.“

Besser als Querdenken

ist allemale das Linksdenken 🙂

https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/id_88962692/dietmar-bartsch-ueber-regierung-das-ist-hanebuechene-corona-politik.html

Inzwischen stehen wir wohl kurz davor, dass in unserem Parlament die Herrschaften samt Eindringlinge anfangen sich zu verprügeln, eine Bananenrepublik lässt grüßen. Ich hoffe, wenisgtens die Damen gehen da beiseite.

Nicht mehr denken und reden, Fäuste sind gefragt.

Dem Virus ist das alles eh egal.

Ein Plakat fiel mir auf, da stand so etwas ähnliches wie „Ich lasse mir nicht vorschreiben, wie ich zu sterben habe“, lol, aber lieber Querdenker, es geht nicht nur um dich, eventuell lässt du ja eine unbeteiligte Kontakperson sterben, das ist die Sache mit dem Virus, dem alles egal ist.

Afrika (3) 6

Ich saß noch für zwei Biere und fühlte mich gut. Für die anderen Mädchen hatte ich keinen Blick übrig. Ich dachte an Aida, und dann dachte ich an Jane, die Familie.

Kann man überhaupt diese Kluft zwischen der sogenannten ersten Welt und der sogenannten dritten Welt überwinden? Zählt am Ende nur das Fressen und nie die Moral?

Können sich überhaupt Menschen einfach, die aus verschiedenen Welten kommen?

Ein Millionär oder gar ein Milliardär findet auch in der ersten Welt nie die Liebe zu einer Obdachlosen vor seiner Luxusunterkunft.

Nachdenklich sah ich vor mich hin. Warum hatte ich das gemacht? Wenn ich ihr dreitausend gegeben hätte, dann wäre es ja in Ordnung, aber warum hatte ich noch zweitausend dazugelegt? Ich überlegte. Wollte ich ihr einfach nur eine Freude machen?

Oder wollte ich mir Liebe kaufen?

Genau genommen, weil ich allein durch meiner Geburt aus einer anderen Welt. Gibt es überhaupt eine Brücke zwischen Aidah und mir?

Ich kannte das alles doch schon. Von Jane kaufte ich in Deutschland Sex und wollte mehr, wirklich?

Aber wir hatten in Deutschland eine wunderbare Zeit der Liebe. Ja natürlich, Jane hatte noch nie so einen großzügigen Mann kennen gelernt. Da musste sie mich ja lieben.

Ich stöhnte, bin ich krank?

Ja, ich glaube nicht daran, dass mich jemand so lieben kann, wie ich bin. Ich habe Angst vor der Liebe, und gleichzeitig Sehnsucht nach Liebe. Und ich denke, wenn ich mit Geld bezahle, bezahle ich nur meine Illusion und richte keinen Schaden mehr an. Es nimmt sich keine mehr das Leben wegen mir.

Aber ich wollte doch auch helfen, diese Not in Afrika, sie hat mich verrückt gemacht.

Oder, ich bin als Verrückter dorthin geflogen?

„Ein neues Lied, ein besseres Lied, o Freunde, will ich euch dichten, wir wollen hier auf Erden schon das Himmelreich errichten.“

Ich lachte. Ja, ja, Heinrich Heine. War das auch ein Verrückter? fragte ich mich.

Am Sonnabend früh musste George arbeiten, das hieß also, ich musste mit den Kindern allein baden gehen. Wie jeden Tag schien die Sonne, da gab es keine Ausrede. Ich sagte, ich gehe nur hinüber zum Internetbüro, ob eine Mail angekommen ist, und dann werden wir alle baden gehen. Die Kinder möchten schon ihre Badesachen bereit legen. Dass Irene mitkommt, war undenkbar. Irene verließ eigentlich nie das Haus. Und sie musste ja auch, wie jeden Tag, Wäsche waschen. Ich ging ins Internetbüro. Tatsächlich war eine Mail gekommen. Mein Schwiegersohn schrieb:

„Ich habe schon einmal den Fischfutterautomaten aufgefüllt, zwei Bücher für dich abgeholt, ich hab‘ auch nicht so viel Zeit. Außerdem gibt mir die Bank sowieso nicht deinen Kontostand bekannt.“

Das war’s, keinen Gruß von der Tochter, nichts.

Ich seufzte. Weihnachten hatte ich mit Janes Handy mit meiner Tochter telefoniert. Ich liebte mein einziges Kind so sehr.

Meine Tochter zeigte Jane Respekt, die sich darüber sehr freute. Meinem Schwiegersohn sprangen die rassistischen Gedanken nur so aus den Augen. Aber das Telefonat am Heiligen Abend war schwer für mich. Ich ging danach allein ins Schlafzimmer und weinte. Das sollte die afrikanische Familie nicht sehen, in Afrika weint man nicht.

So, gestern gab ich Aida fünftausend, ich konnte zwei Tage nach der Abreise schlecht George um Geld bitten, wie mir Jane es nahegelegt hatte. Ich nahm mir schnell ein Taxi und fuhr zum Bankautomaten. Dort holte ich zwanzigtausend Schillinge ab. Das waren sechshundert Mark. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, war, dass die Krankenkasse inzwischen ihre Zahlungen eingestellt hatte, und die Berechnung der Rente noch andauerte. In dieser Hinsicht hat man in Deutschland viel Zeit, die Behörden arbeiten langsam. Aber ich machte mir mit zwanzigtausend Schilling in der Tasche keine Gedanken. Die Kinder warteten schon auf mich. Die freundliche Dame an der Rezeption verlangte allerdings auch für die Kinder einhundert Schilling.

Das Baden war für die Kinder ein Vergnügen der Heiden. Keiner der vier zeigte sich wasserscheu, und keiner der vier konnte schwimmen. Nur auf Charles konnte ich mich verlassen, dieser Junge kam inzwischen gut allein mit einem Rettungsring zurecht. Ich hatte die Kinder immerzu nur an der Oberfläche zu halten. Auch Beatrice sprang, wie Kennedy vom Beckenrand in meine Arme. Doch, als Kennedy und Beatrice zugleich sprangen, ich also zwei Kinder auffangen musste, bat ich lachend um eine Pause. Ich musste ja auch darauf achten, dass die Kinder sich nicht verkühlten. Und ich musste auf mich selbst achten. Jedenfalls bedeutete das Baden mit vier Kindern für mich eine Schwerarbeit, doch sie machte mir Freude. Auf seltsame Weise fiel mir wieder Mike auf. Der Junge tobte zwar mit den anderen herum, aber hielt sich immer etwas abseits von mir. Ich bekam das eigenartige Gefühl, dieser Junge mit den kalten Fischaugen, beobachtete mich, als wolle er wissen, was er von mir zu erwarten hätte. Er war der Sohn des ältesten Bruders Janes. Der Sohn desjenigen, der Jane ermorden wollte. Zu einem anderen Zeitpunkt, als ich mit Jane allein war, sagte ich zu ihr:

„Ich weiß nicht, der Junge hat Mörderaugen. Das hört sich furchtbar an, aber ich habe bei ihm ein ganz komisches Gefühl.“

Und Jane bestätigte mir damals, dass sie auch nicht richtig warm wurde mit Mike. Doch ich dachte auch, ich möchte nicht ungerecht sein. Vielleicht war es nur diese Geschichte, die Jane erzählte, die dann ein Vorurteil erzeugte. Mike war doch erst zehn Jahre alt. Und so achtete ich beim Baden darauf, auch Mike eine Runde im Rettungsring durch den Pool zu ziehen. Und später Abends, wenn ich alle Kinder ins Bett brachte, wobei sie sich sehr schnell mit Ausnahme Kennedys, als selbstständig erwiesen, streichelte ich auch Mike über den Kopf und sagte:

„Lala salama.“ Gute Nacht.

Aber er hatte nun mal nicht den Charme von Kennedy, der sich so an mich schmiegte. Das machte Mike nie. Es war ein Problem. Und ich achtete auch darauf, nicht zu viel mit Kennedy zu schmusen, mich nicht zu viel mit Charles zu beschäftigen, obwohl es mich zu diesen Kindern zog. Wenn wir alle in einer Wohnung wohnten, wie eine Familie eben, darf man doch nicht einzelne Kinder bevorzugen. Die Augen Mikes registrierten alles. Und in der folgenden Zeit, kam ich immer mehr zu der Überzeugung, Jane hatte einen schweren Fehler gemacht. Als sie noch in Deutschland lebte, wurden ihre Kinder mit großer Wahrscheinlichkeit nicht anders behandelt, als Mike und Beatrice. Irene hing an ihre eigenen Kindern, und diese vier mussten zusammenhalten. Jetzt aber war die Mama von Charles und Kennedy da, ich war da. So eine Kinderseele ist sehr empfindsam. Was sollte ich nur machen? Mit Jane könnte ich darüber reden, aber sie kommt ja Sonntag zurück, dachte ich.